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THESIS e.V.
Auszüge aus der THESE

(c) Markus Nickl, 1994


Einige Bemerkungen zum verständlichen Schreiben

1 Vorbemerkungen zum Verständnis des Artikels [1]

Als Doktoranden sind wir in zweifacher Weise von Verständlichkeitsproblemen betroffen. Zum einen sind wir oft selbst das Opfer von schwer verständlichen Texten. Jeder, der schon einmal seinen neu gekauften Videorecorder mithilfe der Gebrauchsanleitung zu programmieren versucht hat oder sich mit dem 'erklärenden' Beiheft zu seiner Lohnsteuererklärung herumgeschlagen hat, wird wissen, was hier gemeint ist. Andererseits sind wir als Akademiker oft selbst Textproduzenten und nicht immer sind die Texte, die wir produzieren vorbildlich. Hier stellt sich für uns die Aufgabe, für den Leser angemessen zu schreiben.

Natürlich kann ein Artikel dieser Länge keine Rezepte oder gar ein ausgearbeitetes Programm bieten. Es ist auch fraglich, ob solche Rezepte überhaupt einen angemessenen Umgang mit dem Schreibprozeß erlauben. Hier sollen vielmehr nur einige Tips gegeben werden und einige Warnungen, die sich aus linguistischer Sicht ergeben, ausgesprochen werden. Für ausführlichere Informationen möchte ich auf die Literaturliste (bes. auf Groeben und Langer) verweisen.

Im folgenden werde ich mich auf geschriebene Texte beschränken. Einige der wissenschaftlichen Befunde gelten auch für die gesprochene Sprache, jedoch sollte man grundsätzlich davor warnen, Erkenntnisse zum Schreiben auf das Sprechen zu übertragen (oder umgekehrt). Des weiteren werde ich mich auch nur auf Informationstexte beziehen. Die Textverständlichkeit von literarischen Texten ist natürlich kein Kriterium für ihre Qualität und unterliegt allein den Zielsetzungen und dem Programm des Autors. Schließlich wird es in diesem Artikel auch nicht um Schreibtechniken gehen, also z. B. darum, wie man Schreibblockaden überwindet (s. dazu z. B. Kruse 1993) oder darum, wie man seinen Arbeitsplatz am besten organisiert.

2 Verständlich Schreiben - Warum?

Prinzipiell kann läßt sich natürlich fragen, warum man sich überhaupt die Mühe machen soll, verständlich zu schreiben. Viele Autoren, die sich zur Verständlichkeitsoptimierung geäußert haben, sind der Ansicht, daß es in jedem Fall sinnvoll ist, seine Texte so verständlich wie möglich zu schreiben. Aus linguistischer Sicht ist davor jedoch zu warnen. Wir alle haben im Laufe unseres Spracherwerbs auch Wissen darüber erworben, wie verschiedene Textsorten gestaltet sind, welche typischen Elemente und Strukturen sie enthalten. Wir alle können z. B. eine Gebrauchsanleitung von einem Kochrezept unterscheiden (obwohl sich beide aus sprachtheoretischer Sicht sehr ähneln). Solche typischen Regeln und Textsortencharakteristika sind jedoch nicht immer leicht verständlich. Will ich nun meinen Text optimal gestalten, so muß ich mir vor Augen halten, daß ich damit gegen Regeln verstoße, die besagen, wie ein Exemplar einer bestimmten Textsorte auszusehen haben. Und wie so oft ist die Verletzung von Regeln mit Gefahren verbunden. Mein Leser könnte z. B. meine Optimierungsstrategien als mangelhafte Beherrschung der Regeln auffassen, als Unvermögen, einen korrekten Text zu produzieren. Ein Beispiel kann diesen Sachverhalt verdeutlichen: Versuche ich, meine Dissertation so verständlich wie möglich zu schreiben, so kann es mir leicht passieren, daß mein Doktorvater die Arbeit aufgrund formaler 'Mängel' schlechter bewertet, als sie eigentlich ist. Ähnliche Situationen, bei denen sich eine leicht verständliche Textfassung als kontraproduktiv erweisen kann, sind z. B. Präsentationen oder die Bewerbung um Fördermittel. Deshalb gilt als
Tip:
Bevor man zu schreiben beginnt, sollte man sich darüber klar werden, ob eine verständliche Textfassung überhaupt sinnvoll ist, bzw. ob man mit ihr das erwünschte Schreibziel erreichen kann. Manchmal erwartet der Leser weder eine leicht verständliche Fassung, noch wünscht er sie.
Doch auch, wenn sich verständliche Texte als wünschenswert erweisen, heißt das nicht, daß sie in jedem Fall möglich sind. In der eher praxisorientierten Literatur trifft man häufig auf Ansichten, die nahelegen, daß ein Text unbegrenzt optimierbar ist. Das ist natürlich nicht richtig:
  1. Jede Änderung eines Textes produziert einen neuen Text, der Informationen auf andere Weise wiedergibt. Eigentlich vereinfache ich deshalb nicht einen Text, sondern ich schreibe einen neuen Text, von dem ich denke, daß er dieselben (wesentlichen) Informationen enthält, wie mein Ausgangstext. Bei solchen Reformulierungen gehen jedoch immer Informationen verloren und neue werden hinzugefügt.
  2. Informationen lassen sich nicht beliebig vereinfachen. Es gibt schlicht und einfach Sachverhalte, die an sich schwierig sind. Außerdem enthalten manche Texte Inhalte, zu deren Verständnis Vorinformationen nötig sind, die nicht immer zweckmäßig in einer erweiterten Textfassung untergebracht werden können.

Diese Warnungen sollen jedoch nicht den Eindruck erwecken, daß es unnötig ist, sich Gedanken um die Verbesserung der Verständlichkeit zu machen. Global gesprochen lohnt sich die Textoptimierung dann, wenn zwischen Autor und Leser ein wesentliches Defizit im Sprach- und/oder Faktenwissen besteht.

Die Frage nach Gründen für verständlichere Texte hat zunächst einmal eine gesellschaftliche Dimension. Eine Demokratie wie unsere ist darauf angewiesen, daß der Bürger politische und andere Informationen auf eine Weise bekommt, die er verstehen kann. Ihr Funktionieren ist weiter davon abhängig, daß der Bürger seine Rechte und Pflichten kennenlernen kann und daß ihm die Wahrnehmung seiner Rechte nicht z. B. durch unverständliche Formulare erschwert wird. Verständliches Schreiben ist auch für die Wissenschaften notwendig und zwar immer dann, wenn sie sich an Leser mit geringerem Vorwissen richtet. Dies soll nicht bedeuten, daß die Wissenschaften auf ihre Fachsprachen verzichten müssen. Innerhalb eines Faches sind diese durchaus angebracht und nützlich. Wenn wir jedoch davon ausgehen, daß Wissenschaft eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, dann muß man auch fordern, daß sie ihre Erkenntnisse und Absichten verständlich darlegt. Das Problem des verständlichen Schreibens beinhaltet jedoch auch eine finanzielle Dimension. Nicht nur, daß durch unverständliche Texte eine Unmenge an Zeit verloren geht, es werden auch Gelder und Subventionen nicht in Anspruch genommen, weil unverständliche Formulare die Bewerber abschrecken. Der deutschen Wirtschaft gehen jährlich Milliardenbeträge verloren, weil durch schlecht geschriebene Gebrauchsanleitungen Gerätefunktionen nicht wahrgenommen werden oder ein Gerät bei der Bedienung beschädigt wird und so Regreßansprüche entstehen. Es ergibt sich also als

Richtschnur:
Verständlichkeitsoptimierung ist immer dann angebracht, wenn der Leser ein wesentlich geringeres Sprach- und/oder Faktenwissen als der Autor hat; häufig ist das in der fachexternen Kommunikation der Fall. Besonders wichtig wird die Textoptimierung, wenn gesundheitliche, ökonomische oder soziale Interessen des Lesers berührt werden. Gerade bei der innerfachlichen Kommunikation sollte man jedoch genau abwägen, wie weit man mit der Verbesserung der Verständlichkeit gehen will. Oft wird einem leicht verständlichen Text Banalität unterstellt.

3 Verständlichkeit - Was ist das?

Bisher haben wir uns mit Ziel und Nutzen der Verständlichkeitsoptimierung beschäftigt. Dabei sind wir von einem unreflektierten Verständlichkeitsbegriff ausgegangen. Es lohnt sich jedoch etwas genauer auf die Bedeutung des Wortes Verständlichkeit einzugehen. Dabei wird deutlich, daß wir ganz unterschiedliche Texte als 'verständlich' bezeichnen. Ein verständlicher Text kann anregend geschrieben sein, seine Gedankengänge können leicht nachvollziehbar sein oder er kann einfach zu rezipieren sein. Verständlichkeit kann sich in einer hohen Lesegeschwindigkeit äußern oder darin, daß sich die im Text enthaltenen Informationen leicht merken lassen. Diese Bedeutungsfacetten der Verständlichkeit lassen sich nicht immer in einem Text vereinen. Wir alle haben wahrscheinlich schon einmal ein Buch gelesen, das wir als sehr anregend empfanden, bei dem wir aber nach einer Woche nicht mehr fähig waren, wesentliche Inhalte wiederzugeben. Je nach der Funktion, die ein Text haben soll, sind demnach auch andere Mittel zu wählen. Deshalb gilt als weiterer
Tip:
Hat man sich entschlossen, einen verständlichen Text zu produzieren, so sollte man sich auch darüber klar werden, welche Form von Verständlichkeit man eigentlich anstrebt, bzw. was der Leser sich wünscht.
Wie geht nun die Wissenschaft, also v. a. die Psychologie und die Linguistik, mit dem Problem der Verständlichkeit um? Die älteste wissenschaftliche Schule, die sich mit der Verständlichkeit von Texten befaßt hat, ist die Hermeneutik. Bis zum 18. Jh. beschäftigte sich die Hermeneutik hauptsächlich mit der Frage der Aufarbeitung und Erklärung schwer verständlicher Texte. Im 19. Jh. (v. a. mit Schleiermacher) wird die Hermeneutik hingegen immer mehr zum Erkenntnisinstrument und beschäftigt sich weniger mit der Verständlichkeit von Texten. In keinem Fall ging es aber in der Hermeneutik um die Erstellung verständlicher Texte.

In der Psychologie befaßte man sich zuerst in der Lesbarkeitsforschung zu Beginn der 30er Jahre mit der Frage der Verständlichkeit von Texten. Die linguistische Fundierung ist dabei minimal. Man versuchte sprachliche Oberflächenmerkmale - hauptsächlich die Wort- und Satzlänge - zu formalisieren. Durch eine relativ einfache Berechnung konnte dann zu jedem Text ein sog. Verständlichkeitsindex erstellt werden. Der Verständlichkeitsindex trifft sich zwar oft mit intuitiven Texteinschätzungen (oft allerdings auch nicht), aber er gibt dem Autor keine Schreibhilfen an die Hand. Problematisch ist v. a., daß weder der Leser berücksichtigt wird, noch semantische Fragen und die Textorganisation thematisiert werden.

Diesen Fragen wurden später von Langer u. a. nachgegangen. Er unterteilt das Konstrukt Verständlichkeit in vier Dimensionen:

  1. Einfachheit;
  2. Gliederung - Ordnung;
  3. Kürze - Prägnanz und
  4. Anregende Zusätze.
Die Texte können nun auf einer fünfstufigen Skala bezüglich jeder dieser Dimensionen eingeordnet werden. Ein spezielles Trainingsprogramm (Langer u.a.: (3)1987) soll Interessierte dazu befähigen, Verständlichkeitsprobleme zu erkennen. Das Hamburger Konzept hat den Vorteil, leicht lernbar und anwendbar zu sein. Es läßt aber eine theoretische Fundierung in einer Verstehenstheorie [2] vermissen, d. h. in einem Modell, das die geistigen Vorgänge, die sich beim Lesen abspielen, nachbildet. Dadurch wird auch vernachlässigt, daß Verständlichkeit kein textimmanentes Kriterium ist, sondern immer erst durch das Zusammenspiel von Text und Leser entsteht. Weiterhin fehlt eine detaillierte Erklärung der Merkmale der einzelnen Dimensionen.

Autoren, die sich um Verständlichkeit bemühen, sind dann gezwungen, sich beim Schreiben auf ihre eigenen Intuitionen zu verlassen, da sie zwar wissen, was man vermeiden soll, um nicht unverständlich zu schreiben, ihnen aber keine Mittel an die Hand gegeben werden, die die Verständlichkeit eine Textes heben können.

Zu ähnlichen Dimensionen kommt auch Groeben. Allerdings gewichtet er sie anders. Während für Langer u. a. die sprachliche Einfachheit wichtig ist, steht bei Groeben die Inhaltliche Strukturierung im Mittelpunkt. Groeben bietet detaillierte Angaben zur Textoptimierung, er diskutiert eine Vielzahl von verständlichkeitsfördernden Mitteln und belegt ihre Brauchbarkeit anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen und Experimenten.

Obwohl Groeben die Wichtigkeit von Lesermerkmalen erkannt hat, fußt auch seine Arbeit nicht in einer Verstehenstheorie. Teilweise fehlt seinen Aussagen auch eine adäquate linguistische Fundierung. Die Arbeit Groebens hat eine hohe Praxistauglichkeit; dennoch wurde sie bisher wenig berücksichtigt. Ein Grund dafür mag sein, daß sie zwar den Anspruch erhebt, Aussagen über Verständlichkeitsförderung zu treffen und entsprechende Mittel einzusetzen, daß sie aber dennoch recht schwer lesbar ist. Der Grund dafür mag gerade in der umfangreichen theoretischen Fundierung und statistischen Aufarbeitung liegen, die das Buch sachlich sehr anspruchsvoll machen und den psycholinguistisch ungeschulten Leser eher abschrecken.

Moderne, kognitive Theorien zum Textverstehen gehen davon aus, daß beim Lesen (und auch beim Hören) komplexe Verarbeitungsprozesse ablaufen, in der eine Vielzahl von Wissenssystemen aktiviert werden. Das Lesen ist also nicht mehr ein einfaches Entschlüsseln von Informationen, sondern der Aufbau eines Textverständnisses in einem Wechselspiel von Textinformation und eigenem sprachlichen und Faktenwissen. Der Leser versucht dabei, anhand seines Vorwissens Hypothesen über die Textbedeutung zu bilden und diese am Textmaterial zu prüfen. Gleichzeitig versucht er, ein zusammenhängendes Modell des Textmaterials zu erstellen und dieses in sein Vorwissen zu integrieren. Dieses Modell ist hierarchisch geordnet, an der Spitze steht das Textthema, unter das die Einzelinformationen eingeordnet werden. Der Aufbau des Modells geht schrittweise vor sich, es ist immer nur jeweils ein Teil aktiv, während andere Teile des Modells im Langzeitgedächtnis gelagert sind. Gelingt es einem Leser nun nicht, neue Textinformationen in den aktiven Teil seines Textmodells zu integrieren, so stehen ihm verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:

  1. Er kann versuchen, fehlende Information aus seinem Vorwissen zu ergänzen (Inferenz). Diese Inferenzen sind oft vom Autor beabsichtigt, da ein Text sonst zu lang und zu langweilig würde.
  2. Er kann Informationen aus dem inaktiven Teil des Modells im Langzeitgedächtnis abrufen (Reinstatement).
  3. Sind diese beiden Möglichkeiten erfolglos, ist er gezwungen, sein bisheriges Modell zu verändern (Umorganisation).
Gerade die Aktivierung dieser Strategien ist es nun, die das Verständnis verzögern und erschweren. Die kognitiven Theorien können zwar den Verstehensprozeß erklären, aber in der Praxis sind sie nur in geringem Maße einsetzbar. Als ihren größten Ertrag läßt sich die stärkere Berücksichtigung des Lesers bezeichnen. Für die praktische Arbeit ist deshalb Groebens Ansatz immer noch am besten geeignet. Aus diesem überblick über die wissenschaftlichen Ansätze zur Erforschung der Verständlichkeit ergibt sich also als
Konsequenz:
Verständlichkeit ist ein komplexer Begriff, der sich nicht auf die Ebene des materiellen Texts beschränken läßt, sondern im Zusammenspiel von Autor, Text und Leser entsteht. Allein durch den Einsatz der richtigen 'Tricks' wird ein Text nicht verständlich. Wichtiger für den Autor ist es stattdessen, sich auf das Niveau seiner Leser einzustellen.

4 Verständlich schreiben - Aber wie?

Im folgenden wird in stichwortartiger Form eine Liste von verständlichkeitsfördernden Maßnahmen gegeben. Sie ist als Auswahl zu verstehen, d. h. es gibt noch wesentlich mehr Mittel. Auch muß immer im konkreten Einzelfall entschieden werden, ob es sinnvoll und ökonomisch ist, ein Mittel einzusetzen.

a) Typographie:

Farbe:
Der Einsatz von farbigen Schriften eignet sich besonders zur Hervorhebung längerer Textstücke. Günstig ist dabei die Möglichkeit, Farbe differenziert einzusetzen (z. B. bei einer Gebrauchsanleitung rot für Gefahrenhinweise, grün für Tips); jedoch sollte das Markierungssystem nicht zu sehr überladen werden (nicht mehr als zwei - drei Markierungsfarben). Außerdem ist zu berücksichtigen, daß sich die Schriftfarbe gut von der Papierfarbe abhebt.
Schriftgrad:
Als Schriftgrad bezeichnet man die Größe der einzelnen Buchstaben. Für den laufenden Text sind bei DIN A4 11-Punkt-Schriften, bei DIN A5 8-Punkt-Schriften am lesbarsten.
Schriftsatz:
Häufig wird in Anleitungen zur Typographie Rauhsatz (alle Zeilen werden ungefähr gleich lang gehalten) empfohlen. Flattersatz (Zeilen dürfen eine Maximallänge beliebig unterschreiten) wird wegen seines großen Platzbedarfs und der großen Zeilenlöcher häufig abgelehnt. Beim Blocksatz (alle Zeilen sind gleich lang) wird der höhere Zeitbedarf (durch die Ausrichtung und Trennungen) und die fehlende Gruppierung bemängelt. Gleichzeitig bietet der Blocksatz jedoch den Vorteil einer größeren Geschlossenheit des Schriftbilds und unterstützt einen gleichmäßigen Leserhythmus. Zumindest das Problem des Zeitbedarfs stellt sich bei modernen Textverarbeitungssystemen nicht mehr. Es kann also bedingt zum Blocksatz zugeraten werden; und zwar immer dann, wenn sich der Text an geübte Leser richtet bzw. wenn eine hohe Lesegeschwindigkeit erwünscht ist.
Schriftschnitt:
Der Schriftschnitt bezeichnet die Buchstabendicke. Normale und halbfette Schriften sind auch im laufenden Text gut lesbar; fette Schriften sind für längere Passagen nicht geeignet.
Schrifttyp:
Als schlecht lesbar haben sich Versalien (Wörter nur in Großbuchstaben), Kursivschriften und Negativschriften (weiß auf schwarz) erwiesen. Sie sind deshalb nur zur Markierung einzelner Wörter geeignet, nicht jedoch zur Markierung ganzer Textabschnitte. Die in der alltäglichen Arbeit üblichen Schriften sind im allgemeinen alle gut lesbar, wobei jedoch darauf zu achten ist, daß die einzelnen Buchstaben gut unterscheidbar bleiben, was manchmal bei serifenlosen Schriften (Buchstaben ohne Endstriche) nicht der Fall ist.

b) Einfachheit und semantische Redundanz:

Konkr. Wörter:
Konkrete Wörter sind oft verständlichkeitssteigernd. Sie heben die Lernmotivation und machen verschiedene Konzepte unterscheidbar. Allerdings ist vom linguistischen Standpunkt anzumerken, daß eine Einteilung des Wortschatzes in konkret und abstrakt durchaus problematisch ist. Auch kann Groebens Verfahren zur Ermittlung von abstrakten Wörtern (Identifikation anhand von äbstraktheits"- Endungen) nicht befriedigen.
Nebensätze:
Die Aussage der Lesbarkeitsforschung, daß kurze Sätze leichter verständlich sind, ist heute relativiert worden. Mittlerweile beurteilt man zwar Sätze mit vielen Nebensätzen als schwieriger; besonders dann wenn Nebensätze von Nebensätzen abhängen. Auch eingebettete Nebensätze (der Hauptsatz umschließt den Nebensatz; als Beispiel s. den ersten Satz dieses Absatzes) haben sich als schwer verständlich erwiesen. Das darf jedoch nicht dazu führen, daß man Nebensätze durch Nominalisierungen ersetzt. Außerdem muß man berücksichtigen, daß sich durch Nebensätze semantische Relationen (z. B. kausal, final usw.) oft besser markieren lassen als durch aneinandergereihte Hauptsätze.
Nominalisierg.:
Die Nominalisierung ist die Ableitung von Substantiven aus anderen Wortarten. Werden Verben nominalisiert, so kann ein Substantiv (mit seinen Attributen) einen ganzen Satz ersetzen (Bsp. 'Das Ziel wird erreicht' => 'Das Erreichen des Ziels'). Solche Nominalisierungen sind schwerer verständlich, als die Sätze, die sie ersetzen, da sie die Information dichter verpacken.
Redundanz:
Eine Verminderung der Redundanz, d. i. eine Informationsverdichtung, führt im allgemeinen zu keiner Steigerung der Verständlichkeit, wenn nicht gleichzeitig die inhaltliche Gliederung verbessert wird. Außerdem ist zu beachten, daß informationsdichtere Texte langsamer gelesen werden.

Eine Erhöhung der Redundanz hat eine einprägungsfördernde Wirkung, erhöht aber auch die Lesezeit und kann ab einem bestimmten Grad die Lesemotivation senken.

Wortstellung:
Im Deutschen ist die erste Stelle des Satzes üblicherweise mit einem bekannten/ vorher erwähnten Satzglied besetzt. Indem nun ein unbekanntes Satzglied an die erste Stelle tritt (Ausdrucksstellung), wird dieses hervorgehoben. Solche Hervorhebungen machen diese Information zwar leichter merkbar, sie behindern aber auch den Lesefluß und sollten deshalb sparsam angewandt werden.

Durch eine Veränderung der Wortstellung läßt sich auch das Phänomen der eingebetteten Nebensätze vermeiden. Bei der Ausklammerung rückt der Teil vor den Nebensatz, der üblicherweise nach dem Nebensatz steht.

Bsp.:
Sie drückte ihre Freude darüber, daß sie gewonnen hatte, aus.
=> Sie drückte ihre Freude darüber aus, daß sie gewonnen hatte.

c) Inhaltliche Strukturierung:

Fragen:
Faktenbezogene Fragen steigern die Merkfähigkeit für den Textinhalt. Dies gilt besonders, wenn die Fragen dem Text nachgestellt werden bzw. bei längeren Texten nach relevanten Abschnitten stehen. Um den Text nicht unnötig zu verlängern, empfiehlt sich die Technik der Zusammenfassung in Fragen (s. u.).

Konzeptuelle Fragen können die Neugier des Lesers wecken und dadurch zur Lesemotivation beitragen. Dies kann auch mit faktuellen Fragen erreicht werden, jedoch müssen sie sich dann auf Sachverhalte beziehen, die im Widerspruch zum Vorwissen des Lesers stehen; Bsp.: "Welches Gemüse bauen manche Ameisen in Untergrundfarmen an?" [3]. Solche stimulierenden Fragen sollten jedoch sparsam verwendet werden, da sie sonst den Aufbau des Textmodells behindern.

Hervorhebungen:
haben bei längeren Texten eine lernerleichternde Wirkung, wobei jedoch die Aufmerksamkeit auf die markierten Stellen konzentriert wird und dadurch das Behalten der unmarkierten Information behindert wird. Bei Lesern mit schlechten Lernvoraussetzungen sollte man auf Markierungen verzichten. Unterstreichungen, die der Leser selbst vornimmt, haben sich als zumindest ebenso effektiv erwiesen.
Vorstrukturierung:
(advance organizer). Sie gibt vor der Fakteninformation eine Strukturierung auf abstrakterer Ebene und stellt somit ein Modell bereit, an dem sich der Leser sein Textmodell aufbauen kann und das er in sein Vorwissen eingliedern kann. Advance organizer eignen sich besonders für Leser, die wenig oder keine Vorinformation zu dem betreffenden Thema besitzen. Bei informierten Lesern sind sie unwirksam und können sogar leicht negative Effekte bewirken, da die Strukturierung des advance organizer nicht zu dem eigenen Vorwissen passen kann. Vorstrukturierungen eignen sich besonders für langfristige Lernaufgaben und für schwieriges, unvertrautes Lernmaterial. Post organizer (nachgestellte Strukturierungen) haben keine verständlichkeitsfördernde Effekte. Dies erklärt sich dadurch, daß der Leser nach dem Lesen des Texts schon als vorinformiert gelten muß.

5 Literatur

6 Anmerkungen

[1]
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den ich am 20.03.1994 auf dem THESIS-Workshop in Langgrün gehalten habe. Allen Teilnehmern des Vortrags möchte ich auf diesem Weg noch einmal für ihre Anregungen und Kritik danken.

Der Text unterliegt dem Urheberrechtsschutz und darf auch in der Internetversion nur in unveränderter Form weitergegeben werden. Eine Verwendung zu kommerziellen Zwecken ist nicht gestattet.

[2]
Es lassen sich drei verschiedene Aspekte der Textrezeption unterscheiden:
  1. Bei der Untersuchung des Textverständnisses steht der Leser im Mittelpunkt, seine verschiedenen Charakteristika, die den Verstehensprozeß beeinflussen.
  2. Die Analyse der Textverständlichkeit konzentriert sich auf die Merkmale des Textes selbst.
  3. Die Analyse des Textverstehens schließlich erforscht den Prozeß des Verstehens, die geistigen Vorgänge, die beim Lesen auftreten.
Diese Komponenten lassen sich zwar analytisch trennen, sind im konkreten Fall aber immer aufeinander zu beziehen.
[3]
Antwort: Blattschneiderameisen legen in ihren Bauen Pilzkulturen an, von denen sie sich ernähren.

(c) Markus Nickl, 1994