Einige Bemerkungen zum verständlichen Schreiben
1 Vorbemerkungen zum Verständnis des Artikels [1]
Als Doktoranden sind wir in zweifacher Weise von
Verständlichkeitsproblemen betroffen. Zum einen sind wir oft selbst
das Opfer von schwer verständlichen Texten. Jeder, der schon einmal
seinen neu gekauften Videorecorder mithilfe der Gebrauchsanleitung
zu programmieren versucht hat oder sich mit dem 'erklärenden' Beiheft
zu seiner Lohnsteuererklärung herumgeschlagen hat, wird wissen, was hier
gemeint ist. Andererseits sind wir als Akademiker oft selbst
Textproduzenten und nicht immer sind die Texte, die wir produzieren
vorbildlich. Hier stellt sich für uns die Aufgabe, für den Leser
angemessen zu schreiben.
Natürlich kann ein Artikel dieser Länge keine Rezepte oder gar ein
ausgearbeitetes Programm bieten. Es ist auch fraglich, ob solche
Rezepte überhaupt einen angemessenen Umgang mit dem Schreibprozeß
erlauben. Hier sollen vielmehr nur einige Tips gegeben werden und
einige Warnungen, die sich aus linguistischer Sicht ergeben,
ausgesprochen werden. Für ausführlichere Informationen möchte ich auf
die Literaturliste (bes. auf Groeben und Langer) verweisen.
Im folgenden werde ich mich auf geschriebene Texte beschränken. Einige
der wissenschaftlichen Befunde gelten auch für die gesprochene
Sprache, jedoch sollte man grundsätzlich davor warnen, Erkenntnisse
zum Schreiben auf das Sprechen zu übertragen (oder umgekehrt). Des
weiteren werde ich mich auch nur auf Informationstexte beziehen. Die
Textverständlichkeit von literarischen Texten ist natürlich kein
Kriterium für ihre Qualität und unterliegt allein den Zielsetzungen
und dem Programm des Autors. Schließlich wird es in diesem Artikel
auch nicht um Schreibtechniken gehen, also z. B. darum, wie man
Schreibblockaden überwindet (s. dazu z. B. Kruse 1993) oder darum,
wie man seinen Arbeitsplatz am besten organisiert.
2 Verständlich Schreiben - Warum?
Prinzipiell kann läßt sich natürlich fragen, warum man sich überhaupt
die Mühe machen soll, verständlich zu schreiben. Viele Autoren, die
sich zur Verständlichkeitsoptimierung geäußert haben, sind
der Ansicht, daß es in jedem Fall sinnvoll ist, seine Texte so
verständlich wie möglich zu schreiben. Aus linguistischer Sicht ist
davor jedoch zu warnen. Wir alle haben im Laufe unseres Spracherwerbs
auch Wissen darüber erworben, wie verschiedene Textsorten gestaltet
sind, welche typischen Elemente und Strukturen sie enthalten. Wir alle
können z. B. eine Gebrauchsanleitung von einem Kochrezept unterscheiden
(obwohl sich beide aus sprachtheoretischer Sicht sehr ähneln).
Solche typischen Regeln und Textsortencharakteristika sind jedoch
nicht immer leicht verständlich. Will ich nun meinen Text optimal
gestalten, so muß ich mir vor Augen halten, daß ich damit gegen
Regeln verstoße, die besagen, wie ein Exemplar einer bestimmten
Textsorte auszusehen haben. Und wie so oft ist die Verletzung von Regeln
mit Gefahren verbunden. Mein Leser könnte z. B. meine
Optimierungsstrategien als mangelhafte Beherrschung der Regeln
auffassen, als Unvermögen, einen korrekten Text zu produzieren.
Ein Beispiel kann diesen Sachverhalt verdeutlichen: Versuche ich, meine
Dissertation so verständlich wie möglich zu schreiben, so kann es mir
leicht passieren, daß mein Doktorvater die Arbeit aufgrund formaler
'Mängel' schlechter bewertet, als sie eigentlich ist. Ähnliche
Situationen, bei denen sich eine leicht verständliche Textfassung als
kontraproduktiv erweisen kann, sind z. B. Präsentationen oder die
Bewerbung um Fördermittel. Deshalb gilt als
-
Tip:
-
Bevor man zu schreiben beginnt, sollte man sich darüber klar
werden, ob eine verständliche Textfassung überhaupt sinnvoll
ist, bzw. ob man mit ihr das erwünschte Schreibziel erreichen
kann. Manchmal erwartet der Leser weder eine leicht verständliche
Fassung, noch wünscht er sie.
Doch auch, wenn sich verständliche Texte als wünschenswert erweisen,
heißt das nicht, daß sie in jedem Fall möglich sind. In der eher
praxisorientierten Literatur trifft man häufig auf Ansichten, die
nahelegen, daß ein Text unbegrenzt optimierbar ist. Das ist natürlich
nicht richtig:
-
Jede Änderung eines Textes produziert einen neuen
Text, der Informationen auf andere Weise wiedergibt. Eigentlich
vereinfache ich deshalb nicht einen Text, sondern ich schreibe einen
neuen Text, von dem ich denke, daß er dieselben (wesentlichen)
Informationen enthält, wie mein Ausgangstext. Bei solchen
Reformulierungen gehen jedoch immer Informationen verloren und neue
werden hinzugefügt.
- Informationen lassen sich nicht beliebig vereinfachen. Es
gibt schlicht und einfach Sachverhalte, die an sich schwierig sind.
Außerdem enthalten manche Texte Inhalte, zu deren Verständnis
Vorinformationen nötig sind, die nicht immer zweckmäßig in einer
erweiterten Textfassung untergebracht werden können.
Diese Warnungen sollen jedoch nicht den Eindruck erwecken, daß es
unnötig ist, sich Gedanken um die Verbesserung der Verständlichkeit zu
machen. Global gesprochen lohnt sich die Textoptimierung dann, wenn
zwischen Autor und Leser ein wesentliches Defizit im Sprach- und/oder
Faktenwissen besteht.
Die Frage nach Gründen für verständlichere Texte hat zunächst einmal
eine gesellschaftliche Dimension. Eine Demokratie wie unsere ist
darauf angewiesen, daß der Bürger politische und andere Informationen
auf eine Weise bekommt, die er verstehen kann. Ihr Funktionieren ist
weiter davon abhängig, daß der Bürger seine Rechte und
Pflichten kennenlernen kann und daß ihm die Wahrnehmung seiner Rechte
nicht z. B. durch unverständliche Formulare erschwert wird.
Verständliches Schreiben ist auch für die Wissenschaften notwendig und
zwar immer dann, wenn sie sich an Leser mit geringerem Vorwissen
richtet. Dies soll nicht bedeuten, daß die Wissenschaften auf ihre
Fachsprachen verzichten müssen. Innerhalb eines Faches sind diese
durchaus angebracht und nützlich. Wenn wir jedoch davon ausgehen, daß
Wissenschaft eine wichtige gesellschaftliche Aufgabe erfüllt, dann
muß man auch fordern, daß sie ihre Erkenntnisse und Absichten
verständlich darlegt. Das Problem des verständlichen Schreibens
beinhaltet jedoch auch eine finanzielle Dimension. Nicht nur, daß durch
unverständliche Texte eine Unmenge an Zeit verloren geht, es werden
auch Gelder und Subventionen nicht in Anspruch genommen, weil
unverständliche Formulare die Bewerber abschrecken. Der deutschen
Wirtschaft gehen jährlich Milliardenbeträge verloren, weil durch
schlecht geschriebene Gebrauchsanleitungen Gerätefunktionen nicht
wahrgenommen werden oder ein Gerät bei der Bedienung beschädigt wird
und so Regreßansprüche entstehen. Es ergibt sich also als
-
Richtschnur:
-
Verständlichkeitsoptimierung ist immer dann angebracht,
wenn der Leser ein wesentlich geringeres Sprach- und/oder
Faktenwissen als der Autor hat; häufig ist das in der
fachexternen Kommunikation der Fall. Besonders wichtig
wird die Textoptimierung, wenn gesundheitliche, ökonomische
oder soziale Interessen des Lesers berührt werden.
Gerade bei der innerfachlichen Kommunikation sollte man
jedoch genau abwägen, wie weit man mit der Verbesserung
der Verständlichkeit gehen will. Oft wird einem leicht
verständlichen Text Banalität unterstellt.
3 Verständlichkeit - Was ist das?
Bisher haben wir uns mit Ziel und Nutzen der
Verständlichkeitsoptimierung beschäftigt. Dabei sind wir von einem
unreflektierten Verständlichkeitsbegriff ausgegangen. Es lohnt sich
jedoch etwas genauer auf die Bedeutung des Wortes Verständlichkeit
einzugehen. Dabei wird deutlich, daß wir ganz unterschiedliche Texte
als 'verständlich' bezeichnen. Ein verständlicher Text kann anregend
geschrieben sein, seine Gedankengänge können leicht nachvollziehbar
sein oder er kann einfach zu rezipieren sein. Verständlichkeit kann
sich in einer hohen Lesegeschwindigkeit äußern oder darin, daß sich die
im Text enthaltenen Informationen leicht merken lassen. Diese
Bedeutungsfacetten der Verständlichkeit lassen sich nicht immer in
einem Text vereinen. Wir alle haben wahrscheinlich schon einmal ein
Buch gelesen, das wir als sehr anregend empfanden, bei dem wir aber
nach einer Woche nicht mehr fähig waren, wesentliche Inhalte
wiederzugeben. Je nach der Funktion, die ein Text haben soll, sind
demnach auch andere Mittel zu wählen. Deshalb gilt als weiterer
-
Tip:
-
Hat man sich entschlossen, einen verständlichen Text zu produzieren,
so sollte man sich auch darüber klar werden, welche Form
von Verständlichkeit man eigentlich anstrebt, bzw. was der Leser
sich wünscht.
Wie geht nun die Wissenschaft, also v. a. die Psychologie und die
Linguistik, mit dem Problem der Verständlichkeit um? Die älteste
wissenschaftliche Schule, die sich mit der Verständlichkeit von Texten
befaßt hat, ist die Hermeneutik. Bis zum 18. Jh. beschäftigte sich
die Hermeneutik hauptsächlich mit der Frage der Aufarbeitung und
Erklärung schwer verständlicher Texte. Im 19. Jh. (v. a. mit
Schleiermacher) wird die Hermeneutik hingegen immer mehr zum
Erkenntnisinstrument und beschäftigt sich weniger mit der
Verständlichkeit von Texten. In keinem Fall ging es aber in der
Hermeneutik um die Erstellung verständlicher Texte.
In der Psychologie befaßte man sich zuerst in der Lesbarkeitsforschung
zu Beginn der 30er Jahre mit der Frage der Verständlichkeit von Texten.
Die linguistische Fundierung ist dabei minimal. Man versuchte
sprachliche Oberflächenmerkmale - hauptsächlich die Wort- und
Satzlänge - zu formalisieren. Durch eine relativ einfache Berechnung
konnte dann zu jedem Text ein sog. Verständlichkeitsindex erstellt
werden. Der Verständlichkeitsindex trifft sich zwar oft mit intuitiven
Texteinschätzungen (oft allerdings auch nicht), aber er gibt dem
Autor keine Schreibhilfen an die Hand. Problematisch ist v. a., daß
weder der Leser berücksichtigt wird, noch semantische Fragen und die
Textorganisation thematisiert werden.
Diesen Fragen wurden später von Langer u. a. nachgegangen. Er unterteilt
das Konstrukt Verständlichkeit in vier Dimensionen:
- Einfachheit;
- Gliederung - Ordnung;
- Kürze - Prägnanz und
- Anregende Zusätze.
Die Texte können nun auf einer fünfstufigen Skala
bezüglich jeder dieser Dimensionen eingeordnet werden. Ein spezielles
Trainingsprogramm (Langer u.a.: (3)1987) soll Interessierte dazu
befähigen, Verständlichkeitsprobleme zu erkennen. Das Hamburger Konzept
hat den Vorteil, leicht lernbar und anwendbar zu sein. Es läßt
aber eine theoretische Fundierung in einer Verstehenstheorie [2]
vermissen, d. h. in einem Modell, das die geistigen Vorgänge, die sich
beim Lesen abspielen, nachbildet. Dadurch wird auch vernachlässigt,
daß Verständlichkeit kein textimmanentes Kriterium ist, sondern immer
erst durch das Zusammenspiel von Text und Leser entsteht. Weiterhin
fehlt eine detaillierte Erklärung der Merkmale der einzelnen Dimensionen.
Autoren, die sich um Verständlichkeit bemühen, sind dann gezwungen,
sich beim Schreiben auf ihre eigenen Intuitionen zu verlassen, da sie
zwar wissen, was man vermeiden soll, um nicht unverständlich zu
schreiben, ihnen aber keine Mittel an die Hand gegeben werden, die die
Verständlichkeit eine Textes heben können.
Zu ähnlichen Dimensionen kommt auch Groeben. Allerdings gewichtet er
sie anders. Während für Langer u. a. die sprachliche Einfachheit
wichtig ist, steht bei Groeben die Inhaltliche Strukturierung im
Mittelpunkt. Groeben bietet detaillierte Angaben zur Textoptimierung,
er diskutiert eine Vielzahl von verständlichkeitsfördernden Mitteln und
belegt ihre Brauchbarkeit anhand von wissenschaftlichen Untersuchungen
und Experimenten.
Obwohl Groeben die Wichtigkeit von Lesermerkmalen erkannt hat, fußt
auch seine Arbeit nicht in einer Verstehenstheorie. Teilweise fehlt
seinen Aussagen auch eine adäquate linguistische Fundierung. Die Arbeit
Groebens hat eine hohe Praxistauglichkeit; dennoch wurde sie bisher
wenig berücksichtigt. Ein Grund dafür mag sein, daß sie zwar
den Anspruch erhebt, Aussagen über Verständlichkeitsförderung zu
treffen und entsprechende Mittel einzusetzen, daß sie aber dennoch
recht schwer lesbar ist. Der Grund dafür mag gerade in der umfangreichen
theoretischen Fundierung und statistischen Aufarbeitung liegen,
die das Buch sachlich sehr anspruchsvoll machen und den
psycholinguistisch ungeschulten Leser eher abschrecken.
Moderne, kognitive Theorien zum Textverstehen gehen davon aus, daß
beim Lesen (und auch beim Hören) komplexe Verarbeitungsprozesse
ablaufen, in der eine Vielzahl von Wissenssystemen aktiviert werden.
Das Lesen ist also nicht mehr ein einfaches Entschlüsseln von
Informationen, sondern der Aufbau eines Textverständnisses in einem
Wechselspiel von Textinformation und eigenem sprachlichen und
Faktenwissen. Der Leser versucht dabei, anhand seines Vorwissens
Hypothesen über die Textbedeutung zu bilden und diese am Textmaterial zu
prüfen. Gleichzeitig versucht er, ein zusammenhängendes Modell des
Textmaterials zu erstellen und dieses in sein Vorwissen zu integrieren.
Dieses Modell ist hierarchisch geordnet, an der Spitze steht das
Textthema, unter das die Einzelinformationen eingeordnet werden. Der
Aufbau des Modells geht schrittweise vor sich, es ist immer nur jeweils
ein Teil aktiv, während andere Teile des Modells im Langzeitgedächtnis
gelagert sind. Gelingt es einem Leser nun nicht, neue Textinformationen
in den aktiven Teil seines Textmodells zu integrieren, so stehen
ihm verschiedene Möglichkeiten zur Verfügung:
- Er kann versuchen, fehlende Information aus seinem Vorwissen
zu ergänzen (Inferenz). Diese Inferenzen sind oft vom Autor
beabsichtigt, da ein Text sonst zu lang und zu langweilig würde.
- Er kann Informationen aus dem inaktiven Teil des Modells im
Langzeitgedächtnis abrufen (Reinstatement).
- Sind diese beiden Möglichkeiten erfolglos, ist er gezwungen,
sein bisheriges Modell zu verändern (Umorganisation).
Gerade die Aktivierung dieser Strategien ist es nun, die das Verständnis
verzögern und erschweren. Die kognitiven Theorien können
zwar den Verstehensprozeß erklären, aber in der Praxis sind sie nur
in geringem Maße einsetzbar. Als ihren größten Ertrag läßt sich
die stärkere Berücksichtigung des Lesers bezeichnen. Für die praktische
Arbeit ist deshalb Groebens Ansatz immer noch am besten geeignet.
Aus diesem überblick über die wissenschaftlichen Ansätze zur
Erforschung der Verständlichkeit ergibt sich also als
-
Konsequenz:
-
Verständlichkeit ist ein komplexer Begriff, der sich
nicht auf die Ebene des materiellen Texts beschränken
läßt, sondern im Zusammenspiel von Autor, Text und Leser
entsteht. Allein durch den Einsatz der richtigen 'Tricks'
wird ein Text nicht verständlich. Wichtiger für den
Autor ist es stattdessen, sich auf das Niveau seiner Leser
einzustellen.
4 Verständlich schreiben - Aber wie?
Im folgenden wird in stichwortartiger Form eine Liste von
verständlichkeitsfördernden Maßnahmen gegeben. Sie ist als Auswahl zu
verstehen, d. h. es gibt noch wesentlich mehr Mittel. Auch muß immer im
konkreten Einzelfall entschieden werden, ob es sinnvoll und ökonomisch
ist, ein Mittel einzusetzen.
a) Typographie:
-
Farbe:
-
Der Einsatz von farbigen Schriften eignet sich besonders zur
Hervorhebung längerer Textstücke. Günstig ist dabei die
Möglichkeit, Farbe differenziert einzusetzen (z. B. bei einer
Gebrauchsanleitung rot für Gefahrenhinweise, grün für Tips);
jedoch sollte das Markierungssystem nicht zu sehr überladen
werden (nicht mehr als zwei - drei Markierungsfarben). Außerdem
ist zu berücksichtigen, daß sich die Schriftfarbe gut von
der Papierfarbe abhebt.
-
Schriftgrad:
-
Als Schriftgrad bezeichnet man die Größe der einzelnen
Buchstaben. Für den laufenden Text sind bei DIN A4 11-Punkt-Schriften,
bei DIN A5 8-Punkt-Schriften am lesbarsten.
-
Schriftsatz:
-
Häufig wird in Anleitungen zur Typographie Rauhsatz (alle Zeilen
werden ungefähr gleich lang gehalten) empfohlen.
Flattersatz (Zeilen dürfen eine Maximallänge beliebig unterschreiten)
wird wegen seines großen Platzbedarfs und der großen Zeilenlöcher
häufig abgelehnt. Beim Blocksatz (alle Zeilen sind gleich lang) wird
der höhere Zeitbedarf (durch die Ausrichtung und Trennungen) und die
fehlende Gruppierung bemängelt. Gleichzeitig bietet der Blocksatz
jedoch den Vorteil einer größeren Geschlossenheit des Schriftbilds
und unterstützt einen gleichmäßigen Leserhythmus. Zumindest das
Problem des Zeitbedarfs stellt sich bei modernen
Textverarbeitungssystemen nicht mehr. Es kann also bedingt zum
Blocksatz zugeraten werden; und zwar immer dann, wenn sich der Text
an geübte Leser richtet bzw. wenn eine hohe Lesegeschwindigkeit
erwünscht ist.
-
Schriftschnitt:
- Der Schriftschnitt bezeichnet die Buchstabendicke.
Normale und halbfette Schriften sind auch im laufenden Text gut
lesbar; fette Schriften sind für längere Passagen nicht geeignet.
-
Schrifttyp:
-
Als schlecht lesbar haben sich Versalien (Wörter nur in
Großbuchstaben), Kursivschriften und Negativschriften (weiß
auf schwarz) erwiesen. Sie sind deshalb nur zur Markierung einzelner
Wörter geeignet, nicht jedoch zur Markierung ganzer
Textabschnitte. Die in der alltäglichen Arbeit üblichen
Schriften sind im allgemeinen alle gut lesbar, wobei jedoch
darauf zu achten ist, daß die einzelnen Buchstaben gut unterscheidbar
bleiben, was manchmal bei serifenlosen Schriften
(Buchstaben ohne Endstriche) nicht der Fall ist.
b) Einfachheit und semantische Redundanz:
-
Konkr. Wörter:
-
Konkrete Wörter sind oft verständlichkeitssteigernd.
Sie heben die Lernmotivation und machen verschiedene Konzepte
unterscheidbar. Allerdings ist vom linguistischen Standpunkt
anzumerken, daß eine Einteilung des Wortschatzes in konkret
und abstrakt durchaus problematisch ist. Auch kann Groebens
Verfahren zur Ermittlung von abstrakten Wörtern (Identifikation
anhand von äbstraktheits"- Endungen) nicht befriedigen.
-
Nebensätze:
-
Die Aussage der Lesbarkeitsforschung, daß kurze Sätze leichter
verständlich sind, ist heute relativiert worden.
Mittlerweile beurteilt man zwar Sätze mit vielen Nebensätzen
als schwieriger; besonders dann wenn Nebensätze von Nebensätzen
abhängen. Auch eingebettete Nebensätze (der Hauptsatz
umschließt den Nebensatz; als Beispiel s. den ersten Satz
dieses Absatzes) haben sich als schwer verständlich erwiesen.
Das darf jedoch nicht dazu führen, daß man Nebensätze durch
Nominalisierungen ersetzt. Außerdem muß man berücksichtigen,
daß sich durch Nebensätze semantische Relationen (z. B. kausal,
final usw.) oft besser markieren lassen als durch aneinandergereihte
Hauptsätze.
-
Nominalisierg.:
- Die Nominalisierung ist die Ableitung von Substantiven
aus anderen Wortarten. Werden Verben nominalisiert, so kann ein
Substantiv (mit seinen Attributen) einen ganzen Satz ersetzen
(Bsp. 'Das Ziel wird erreicht' => 'Das Erreichen des Ziels').
Solche Nominalisierungen sind schwerer verständlich, als die
Sätze, die sie ersetzen, da sie die Information dichter verpacken.
-
Redundanz:
-
Eine Verminderung der Redundanz, d. i. eine Informationsverdichtung,
führt im allgemeinen zu keiner Steigerung der
Verständlichkeit, wenn nicht gleichzeitig die inhaltliche
Gliederung verbessert wird. Außerdem ist zu beachten, daß
informationsdichtere Texte langsamer gelesen werden.
Eine Erhöhung der Redundanz hat eine einprägungsfördernde
Wirkung, erhöht aber auch die Lesezeit und kann ab einem
bestimmten Grad die Lesemotivation senken.
-
Wortstellung:
-
Im Deutschen ist die erste Stelle des Satzes üblicherweise
mit einem bekannten/ vorher erwähnten Satzglied besetzt.
Indem nun ein unbekanntes Satzglied an die erste Stelle tritt
(Ausdrucksstellung), wird dieses hervorgehoben. Solche Hervorhebungen
machen diese Information zwar leichter merkbar, sie
behindern aber auch den Lesefluß und sollten deshalb sparsam
angewandt werden.
Durch eine Veränderung der Wortstellung läßt sich auch das
Phänomen der eingebetteten Nebensätze vermeiden. Bei der Ausklammerung
rückt der Teil vor den Nebensatz, der üblicherweise nach dem Nebensatz
steht.
-
Bsp.:
-
Sie drückte ihre Freude darüber, daß sie gewonnen hatte, aus.
-
=> Sie drückte ihre Freude darüber aus, daß sie gewonnen hatte.
c) Inhaltliche Strukturierung:
-
Fragen:
-
Faktenbezogene Fragen steigern die Merkfähigkeit für den
Textinhalt. Dies gilt besonders, wenn die Fragen dem Text
nachgestellt werden bzw. bei längeren Texten nach relevanten
Abschnitten stehen. Um den Text nicht unnötig zu verlängern,
empfiehlt sich die Technik der Zusammenfassung in Fragen (s. u.).
Konzeptuelle Fragen können die Neugier des Lesers wecken und
dadurch zur Lesemotivation beitragen. Dies kann auch mit faktuellen
Fragen erreicht werden, jedoch müssen sie sich dann
auf Sachverhalte beziehen, die im Widerspruch zum Vorwissen des
Lesers stehen; Bsp.: "Welches Gemüse bauen manche Ameisen in
Untergrundfarmen an?" [3]. Solche stimulierenden Fragen sollten
jedoch sparsam verwendet werden, da sie sonst den Aufbau
des Textmodells behindern.
-
Hervorhebungen:
-
haben bei längeren Texten eine lernerleichternde
Wirkung, wobei jedoch die Aufmerksamkeit auf die markierten
Stellen konzentriert wird und dadurch das Behalten der unmarkierten
Information behindert wird. Bei Lesern mit schlechten
Lernvoraussetzungen sollte man auf Markierungen verzichten.
Unterstreichungen, die der Leser selbst vornimmt, haben sich
als zumindest ebenso effektiv erwiesen.
-
Vorstrukturierung:
-
(advance organizer). Sie gibt vor der Fakteninformation eine
Strukturierung auf abstrakterer Ebene und stellt
somit ein Modell bereit, an dem sich der Leser sein Textmodell
aufbauen kann und das er in sein Vorwissen eingliedern kann.
Advance organizer eignen sich besonders für Leser, die wenig
oder keine Vorinformation zu dem betreffenden Thema besitzen.
Bei informierten Lesern sind sie unwirksam und können sogar
leicht negative Effekte bewirken, da die Strukturierung des advance
organizer nicht zu dem eigenen Vorwissen passen kann.
Vorstrukturierungen eignen sich besonders für langfristige
Lernaufgaben und für schwieriges, unvertrautes Lernmaterial.
Post organizer (nachgestellte Strukturierungen) haben keine
verständlichkeitsfördernde Effekte. Dies erklärt sich dadurch,
daß der Leser nach dem Lesen des Texts schon als vorinformiert
gelten muß.
5 Literatur
- Biere, B. U., Verständlich-Machen. Hermeneutische Tradition -
Historische Praxis - Sprachtheoretische Begründung,
RGL (Tübingen, 1989)
- Biere, B. U., Textverstehen und Textverständlichkeit,
Studienbibliographien Sprachwissenschaft, (Heidelberg, 1991)
- van Dijk, Teun A.; Walter Kintsch, Strategies of Discourse
Comprehension, (New York, London; 1983)
- Groeben, Norbert, Leserpsychologie: Textverständnis -
Textverständlichkeit, (Münster, 1982)
- Kruse, Otto, Keine Angst vor dem leeren Blatt,
(Campus, 1993)
- Langer, Inghard; Friedemann Schulz von Thun; Reinhard Tausch,
Sich verständlich ausdrücken, (München, (3)1987)
- Mandl, Heinz u. a., Textverständlichkeit - Textverstehen,
Forschungsberichte des Deutschen Instituts für Fernstudien, 12
(Tübingen, 1988)
- Tinker, Miles A., Legibility of Print, (Iowa State, 1963)
6 Anmerkungen
-
[1]
-
Dieser Artikel basiert auf einem Vortrag, den ich am 20.03.1994
auf dem THESIS-Workshop in Langgrün gehalten habe. Allen Teilnehmern des Vortrags möchte ich auf diesem Weg noch einmal für ihre
Anregungen und Kritik danken.
Der Text unterliegt dem Urheberrechtsschutz und darf auch in der
Internetversion nur in unveränderter Form weitergegeben werden.
Eine Verwendung zu kommerziellen Zwecken ist nicht gestattet.
-
[2]
-
Es lassen sich drei verschiedene Aspekte der Textrezeption unterscheiden:
- Bei der Untersuchung des Textverständnisses steht der Leser im
Mittelpunkt, seine verschiedenen Charakteristika, die den Verstehensprozeß beeinflussen.
- Die Analyse der Textverständlichkeit konzentriert sich auf die
Merkmale des Textes selbst.
- Die Analyse des Textverstehens schließlich erforscht den Prozeß des Verstehens, die geistigen Vorgänge, die beim Lesen
auftreten.
Diese Komponenten lassen sich zwar analytisch trennen, sind im
konkreten Fall aber immer aufeinander zu beziehen.
-
[3]
-
Antwort: Blattschneiderameisen legen in ihren Bauen Pilzkulturen
an, von denen sie sich ernähren.
(c) Markus Nickl, 1994