Terminologische Grundlagen

Um das in der Einleitung erwähnte Problem und seine Lösung besser zu verstehen, ist ein kleiner Ausflug in die Terminologielehre notwendig. Die Terminologielehre ist entstanden, um ähnliche Probleme in der Fachkommunikation zu lösen. Sie beschäftigt sich mit den Fachsprachen, d. h. mit den Begriffen und Benennungen eines Fachgebiets.

Was ist ein Begriff?

Der Mensch ordnet seine Umwelt, indem er Begriffe bildet. Was aber ist ein Begriff? Die DIN 2330 definiert:

4.1 Begriff und Gegenstand

Jeder Mensch lebt in einer Umwelt von Gegenständen, die wahrnehmbar oder vorstellbar sind und durch Sprache dargestellt werden können. Diese Gegenstände können materieller oder nichtmaterieller Art sein.

Beispiel für materielle Gegenstände:

Beispiele für nicht-materielle Gegenstände:

Die gedankliche Zusammenfassung derjenigen gemeinsamen Merkmale, welche Gegenständen zugeordnet werden, führt zu Denkeinheiten, die man als Begriffe bezeichnet. Begriffe sind nicht an bestimmte Sprachen gebunden; sie sind jedoch von dem jeweiligen gesellschaftlichen und kulturellen Hintergrund beeinflußt. [DIN 2330, S. 3]

Ein Begriff faßt also eine Menge von Gegenständen zusammen, indem er von den meisten Eigenschaften dieser Gegenstände abstrahiert; nur die allen Gegenständen gemeinsamen Eigenschaften gehen in die Definition des Begriffs ein, sie werden zu den Merkmalen des Begriffs. Um zu entscheiden, ob ein Gegenstand unter einen Begriff fällt, geht man umgekehrt vor: man prüft, ob der Gegenstand alle Merkmale erfüllt.

Diesen Zusammenhang zwischen Begriff und Gegenstand verdeutlicht dieses Bild aus [DIN 2330, S. 3]:

Begriffe können nicht direkt zwischen Menschen ausgetauscht werden, da sie nur im menschlichen Denken existieren; deshalb werden ihnen Benennungen zugeordnet: Wörter, die über Schrift und Sprache übermittelt werden können. Prinzipiell ist die Beziehung zwischen einem Begriff und seiner Benennung willkürlich. Häufig kann man aber an einem Wort doch erkennen, für welchen Begriff es steht. Beispiel: Stahlschrank – ein aus Stahl gefertigter Schrank; hier wurde der Oberbegriff "Schrank" durch das Merkmal "Stahl" ergänzt.

Mit diesem Wissen können wir nun besser verstehen, warum die in der Einleitung genannten Probleme auftreten: um eine Aussage wirklich zu verstehen, muß man die verwendeten Begriffe kennen (mit möglichst allen Merkmalen, die der Sprecher mit dem Begriff verbindet). Wenn aber der Leser/Hörer mit dem verwendeten Wort einen anderen Begriff verbindet als der Autor/Sprecher (oder sogar keinen), sind Mißverständnisse oder Unverständnis die Folge. Entwerfer und Anwender haben einen sehr unterschiedlichem Erfahrungshintergrund, und so kann es leicht vorkommen, daß sich ihre Begriffe – bei gleicher Benennung – voneinander unterscheiden; schlimmstenfalls kommen sie zu einem falschen Einverständnis, wenn sie nicht bemerken, daß sie unterschiedliche Begriffe gebildet haben.

Dazu kommt noch, daß die Anwender selbst unterschiedliche Ansichten zu einigen Begriffen haben:

"Zum anderen werden Begriffe auch innerhalb des Anwendungsbereiches von verschiedenen AnwenderInnen und BereichsexpertInnen unterschiedlich interpretiert und verwendet. Dies betrifft, auch wenn es naiv anmutet, gerade so scheinbar einfache Basisbegriffe wie Kunde und Anschrift. Beispielsweise stellt sich dann heraus, daß auch Lieferanten und Mitarbeiter Kunden sein können, daß es sich bei Kunden sowohl um Unternehmen als auch um Privatpersonen handeln kann und so weiter.

Verschiedene Personen im Anwendungsbereich betrachten die mit diesen Begriffen bezeichneten Objekte aus teilweise sehr unterschiedlichen Blickwinkeln und sehen ganz unterschiedliche Ausprägungen, Verantwortlichkeiten, Rollen und Attribute." [Oestereich, S. 142]

Bei solchen Begriffen besteht die Gefahr, daß der Entwerfer die Unterschiede nicht sieht und so zu falschen Vorstellungen kommt.

Begriffsbeziehungen

Ein Begriff steht selten für sich allein; meist steht er mit anderen Begriffen des gleichen Fachgebiets in Beziehung. Diese Beziehungen ordnen die Begriffe des Fachgebiets und grenzen sie gegeneinander ab; sie sind damit ein wichtiger Bestandteil des Fachwissens. Die beiden wichtigsten Beziehungen für diesen Zweck sind die Abstraktionsbeziehung und die Bestandsbeziehung [DIN 2330, S. 4f].

Die Abstraktionsbeziehung ist die Beziehung zwischen Ober- und Unterbegriff: der Unterbegriff hat neben allen Merkmalen des Oberbegriffs noch mindestens ein weiteres Merkmal. Dadurch umfaßt der Unterbegriff weniger Gegenstände als der Oberbegriff. (In der Terminologie der Objektorientierung nennt man den Unterbegriff eine Spezialisierung des Oberbegriffs.)

[DIN 2330, S. 5]

Die Bestandsbeziehung ist die Beziehung zwischen dem Ganzen und seinen Teilen (und entspricht in der Terminologie der Objektorientierung der Aggregation).

[DIN 2330, S. 6]

Neben diesen beiden Beziehungen gibt es noch weitere [DIN 2330, S. 5], [DIN 2331, S. 3]:

Je nach Fachgebiet können diese Beziehungen wichtiger sein als die Abstraktions- oder Bestandsbeziehung.


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