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© Vierhaus, H. T.; Rosenstiel,
W. (Hrsg.)
Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD)
In: Tagungsband zum 7. E.I.S.-Workshop, Chemnitz-Zwickau. 1995.
S. 145-154
Die Halbwertszeit des Informatikwissens wird auf 3-4 Jahre geschätzt, technologieneutrales Wissen währt im allgemeinen länger [6]. Damit einher geht die Diskussion um Langzeit-Anforderungen an die berufliche Qualifizierung der Informatik-Studierenden. Es werden Stimmen laut, die eine Revision der Lehrinhalte alle 5-6 Jahre fordern [13]. Die curricularen Forderungen reichen von Reformansätzen über die Gründung neuer Studiengänge bis zur Umstrukturierung der Kern-Informatik in eine Technik-Wissenschaft [11] oder System-Informatik [14]. Parallel sind IEEE-Bestrebungen im Gange, das Curriculum einer fächerübergreifenden Ingenieurdisziplin zu erstellen: ECBS, Engineering of Computer-Based Systems, übertragen Informatik-Systemtechnik [23]. Ziel ist der industrielle Systementwurf aus analogen, digitalen und mechanischen Komponenten.
Unser Beitrag beschreibt den Weg zu einem mittelfristig realisierbaren ECBS-Curriculum: Wir stellen ein Studienmodell vor, das eine berufsqualifizierende Vertiefung im Systementwurf bietet. Die Konzeption des Studienmodells orientiert sich an Leitbildern, die wir hier näher erläutern.
Schlüsselworte: Entwurfslehre, Systementwurf, ECBS, Informatik-Systemtechnik, Studienmodell, Projektlabor, Qualität der Lehre
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Edward Yourdon hat es in Decline and Fall of the American Programmer [25] vorweggenommen: Das klassische Berufsbild des Informatikers verblaßt; Outsourcing - die Verlagerung der Programmier-Dienstleistungen in Billig-Lohnländer - macht den Haus-Informatiker wirtschaftlich obsolet.
Das Anforderungsprofil der Wirtschaft hat sich radikal gewandelt: Gesucht wird der System-Informatiker,
Gerade der Systementwurf von Embedded Systems verlangt den Mix aus Soft- und Hardware-Kompetenzen. Didaktisches Ziel einer jeden Ausbildung ist der wettbewerbsfähige Absolvent. Wettbewerbsfähigkeit wird stets neu definiert, je nach Stand der Technik und den Bedürfnissen des Marktes: technology push - market pull. Praxis-Adäquanz sollte also im Mittelpunkt der curricularen Diskussion zur Informatik-Ausbildung stehen.
Die curriculare Standortbestimmung der Entwurfslehre findet derzeit in einem didaktisch großen Rahmen statt: eigenständige wissenschaftliche Studiengänge stehen in der Diskussion. Dabei zeichnen sich 3 Zielkategorien ab:
Die wichtigsten Niederschläge dieser Diskussion werden kurz skizziert:
IEEE-Initiative
ECBS Engineering of Computer-Based
Systems
Industrielle Systeme verbinden heute logistische mit
technischen Funktionen auf der Grundlage
mikroelektronischer und mechanischer Komponenten. Die
Informatik liefert die Methoden, Werkzeuge und Techniken
für die Integration der Komponenten. Beispiele
für diese Systemklasse sind rechnergestützte
Telekommunikations- und Flugleitsysteme. Als
Sammelbegriff wird hierfür Informatiksysteme
vorgeschlagen [23]. Die
Ingenieurdisziplin, die sich mit der Lehre von
Informatiksystemen befassen soll, heißt
Informatik-Systemtechnik (deutsche
Übertragung von ECBS). Bild 1 zeigt die interdisziplinären
Überschneidungen zwischen den technischen
Entwurfsfeldern der Informatik und den klassischen
MSR-Techniken (Messen, Stellen und Regeln).
Studiengänge der Technischen Informatik
Die Technische Informatik versteht sich primär als
Technik-Wissenschaft [11]
mit einem Bekenntnis zur ingenieurgemäßen
Vorgehensweise. Dieses Selbverständnis spiegelt sich in
den Bezeichnungen der Studiengänge wider: Beispiele sind
die Ingenieur-Informatik an der Universität
Dortmund, die Techno-Informatik an der
Universität Kaiserslautern oder die
Informationstechnik an der Universität
Paderborn [14].
Neustrukturierung der Kern-Informatik
In [14] schlägt Klaus
Waldschmidt einen umfassenden alleinigen
Studiengang System-Informatik vor, angelehnt
an den angelsächsischen Begriff Computational
Science. Jedes Teilgebiet im Bild
2 wird gleichermaßen in
Theorie, Praxis und Anwendung vertreten. Ein fundiertes
mathematisches Grundstudium wird vorausgesetzt.
Bild 1: Disziplinen des
Systementwurfs
(zurück in den Text)

Bild 2: Vorschlag zur
Neustrukturieung
(zurück in den Text)

Der von uns verfolgte Weg zu einem mittelfristig realisierbaren ECBS-Curriculum heißt Studienmodell. Es definiert einen didaktisch kleinen Rahmen innerhalb eines etablierten Informatik-Studiengangs.
Neue Studiengänge sind verwaltungstechnisch und finanziell zu aufwendig und in der Umsetzung zu langwierig. Aus dem Ergebnisbericht des 1. Treffens der Hochschullehrer für Technische Informatik zur eigenen Standortbestimmung:
Das steht im Einklang mit den Empfehlungen des Deutschen Stifterverbandes zur Qualifikation von Hochschulabsolventen:
Oder, um es auf den Punkt zu bringen, das Hochschulrahmengesetz fordert geradezu die ständige Studienreform in §8:
Und §10 betont, daß Studiengänge zu einem berufsqualifizierenden Abschluß führen. Unserer Erfahrung nach kann man mit neuen Studiengängen nicht flexibel und schnell genug auf veränderte Berufsbilder reagieren. Anders verhält es sich dagegen mit Studienmodellen: Hier sind zeitgemäße berufsqualifizierende Vertiefungsrichtungen relativ einfach aus bestehenden und neuen Lehrveranstaltungen konfigurierbar (thematischer Fächerkatalog). Im folgenden beschreiben wir diesen Weg am Beispiel des Studienmodells Informatik-Systemtechnik.
Traditionell besteht eine enge Verzahnung zwischen Informatik und Elektrotechnik: Bild 3. Die Siegener Situation ist durch den gemeinsamen Fachbereich beider Disziplinen gekennzeichnet. Allerdings existiert kein eigenständiger Studiengang Informatik; angeboten wird allein der Studiengang Technische Informatik, der mit dem Grad Diplom-Ingenieur abschließt. Die Verzahnung beider Disziplinen findet ihre Ausprägung vor allem in der Mikro-Systemtechnik. Ein Beispiel für die dabei entstehende Hardware-Software-Synergie ist das von uns als Posterbeitrag zum E.I.S.-Workshop vorgestellte Laborvehikel des anwendungsspezifischen Steuerungsrechners [10]. Anhand dieses Vehikels lehren wir Rechner-Architektur und Compilerbau im Kontext der Automatisierungstechnik (erst die konkrete Anwendung zeigt die Leistungsfähigkeit einer Rechner-Architektur, und eine Architektur ist nur so gut wie ihr Compiler).
Der Studiengang Technische Informatik ist somit prädestiniert für Vertiefungsrichtungen mit mikro-systemtechnischen Bezügen. Bisweilen ist es den Studierenden überlassen, welche Wahlpflichtfächer sie miteinander kombinieren. Die Erfahrung zeigt aber, daß die Studierenden in ihren Wahlmöglichkeiten vielfach überfordert sind. Es fehlt das Wissen um die curricularen Querbezüge, um Studienschwerpunkte praxisadäquat bilden zu können. Das Konzept des Studienmodells kann hier die nötige Orientierung leisten. Im folgenden werden wir den curricularen Rahmen - das Studienmodell Informatik-Systemtechnik (IST) - näher erläutern.
Bild 3: Klassische
Informatikbereiche
(zurück in den Text)

Die Veranstaltungsformen Projektgruppe und Informatik-Seminar bieten einen flexiblen und integrativen Vertiefungsrahmen innerhalb eines etablierten Studiengangs. Gerade die Informatik-Seminare werden in ihrer curricularen Bindungsfunktion meist unterschätzt. Die jederzeit aktualisierbaren Themenkataloge und Reader (Sammlung ausgewählter Fachaufsätze) können als Katalysatoren für Interessenschwerpunkte fungieren: Die Seminarthemen und die Seminarliteratur motivieren viele Teilnehmer zum Besuch weiterführender Lehrveranstaltungen. Beispiele unserer Erfahrung: Das Seminar Entwurfsdatenbanken motiviert die Vertiefung in den Fächern Informationssysteme und Software-Entwicklungsumgebungen; das Seminar Entwurfsmuster motiviert die Vertiefung im Fach Programmiermethodik. Analoges gilt für das Projektlabor: Aus dieser Laborform stammen derzeit die meisten unserer Diplomanden.
Inhaltlich vereinen wir die Informatik-Systemtechnik mit den objektorientierten Themen. Die engen Bezüge zwischen dem Objekt-Paradigma und der ECBS-Ingenieurdisziplin wurden in [21] herausgearbeitet. Unser Studienmodell umfaßt die folgenden Veranstaltungen:
"Informatik-Systemtechnik" IST I |
Seminarübungen: Software-Entwurf |
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| 1. | Überblick: Objektorientierter Systementwurf [20] | 1. | Organisation der Projektgruppen |
| 2. | Entwurfsparadigmen in der Informatik | ||
| 3. | Entwurfskomplexität | 2. | Übungen zur Entwurfsfreiheit |
| 4. | Komplexitätsbewältigung | ||
| 5. | Software-Industrialisierung | 3. | OOAD: Booch-Methode [3] |
| 6. | OOx: Abstrahieren, Teilen, Kommunizieren | ||
| 7. | OOAD: Grundlagen der Analyse- & Designmethoden | 4. | Booch-Methode: Notation I |
| 8. | OOP. Definition & Einordnung der Objekt-Sprachen | ||
| 9. | Kognitive Aspekte: Entwerfen als Problemlösen | 5. | Booch-Methode: Notation II |
| 10. | Vom "Tripel des Objekts": Struktur & Verhalten & Constraints | ||
| 11. | Managementaspekte: Techniktransfer & Projektorganisation | 6. | OOAD: Entwurfsbeispiel |
| 12. | Von einer "Wissenschaft des Entwerfens" | ||
| 13. | Rückblick: Fragenkatalog & Lehr-Evaluation | ||
Projektziel in der vorlesungsfreien Zeit: OOAD-Modell des Informatiksystems |
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"Informatik-Systemtechnik" IST II |
Seminarübungen: Hardware-Entwurf |
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| 1. | Überblick: Leitbilder der Informatik-Systemtechnik | 1. | Grundlagen zum Prozessorentwurf |
| 2. | Ökonomie des Entwerfens: Wiederverwendung | ||
| 3. | Wiederverwendbares Expertenwissen: Entwurfsmuster | 2. | Entwurf integrierter HW-Systeme |
| 4. | Wiederverwendbare Infrastrukturen: CAD-Frameworks | ||
| 5. | Das Für und Wider formaler Methoden | 3. | Grundlagen zum Compilerbau |
| 6. | Formalismen I: Constraint-Systeme | ||
| 7. | Formalismen II: Hardware-Software-Codesign | 4. | CAD-Werkzeuge: Fallstudie I |
| 8. | Formalismen III: Feldprogrammierbare Hardwaresysteme | ||
| 9. | Berufsbild "System-Informatiker" | 5. | CAD-Werkzeuge: Fallstudie II |
| 10. | Rückblick: Fragenkatalog & Lehr-Evaluation | ||
Projektziel in der vorlesungsfreien Zeit: Programmierung des Informatiksystems auf UPCS-Basis [10] |
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"Objektorientierte Konzepte und Anwendungen" OOKA |
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| 1. | Objektorientierung: Historie & Einordnung |
| 2. | Abstrahieren: Begriff - Klasse - Objekt |
| 3. | Teilen: Ausprägung & Vererbung |
| 4. | Kommunizieren: Polymorphie & Message passing |
| 5. | Objektorientierung im Software-Engineering |
| 6. | Systemanalyse z. B. nach Coad/Yourdon |
| 7. | Systementwurf z. B. nach Coad/Yourdon |
| 8. | Programmieren in Eiffel: Zusicherungskonzept |
| 9. | Programmieren in Java oder C++: hybrid vs. homogen |
| 10. | Dauerhafte Objekte: Datenbank-Managementsysteme |
| 11. | Wiederverwenden: Entwurfsmuster & Frameworks |
| 12. | Objektorientierung: ein Grundprinzip der Informatik? |
"Entwurfsmuster" EM |
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| 1. | Entwurfsmuster: Begriffsbestimmung |
| 2. | Architektonische Entwurfsmuster [1] |
| 3. | Entwurfsmuster & Software-Wiederverwendung |
| 4. | Entwurfsmuster-Kataloge [8] |
| 5. | Mustergeführtes Entwerfen & OOAD |
| 6. | Dokumentation mit Entwurfsmustern |
| 7. | Hardware-Entwurfsmuster an Beispielen |
| 8. | Software-Entwurfsmuster an Beispielen |
"Entwurfsdatenbanken" EDB |
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| 1. | Semantische Datenmodellierung |
| 2. | Informationsmodellierung mit Express |
| 3. | Objektorientierte Datenbanken am Beispiel |
| 4. | Kooperativer Entwurf: Transaktionen & Versionen |
| 5. | CAx-Entwurfsdatenbanken |
| 6. | VHDL-Entwurfsverwaltung |
| 7. | VHDL-Synthesesysteme an Beispielen |
| 8. | Software-Entwicklungsumgebungen |
| 9. | Kooperative Autorensysteme |
Zum Thema gute Lehre und effektive Lehre siehe [16]. Wir teilen die dort vertretene Meinung, daß häufig gute Lehre auf Medieneinsatz und die bessere Präsentation beliebiger Inhalte reduziert wird. Traditionelle Lehre wird oft fortgeschrieben, Forschungsergebnisse über studentisches Lernen werden nicht aufgenommen. Mit unserem Studienmodell Informatik-Systemtechnik wollen wir primär die Studierenden auf die autonome Bewältigung professioneller und personeller Probleme vorbereiten. Auf die Überwindung des Praxisschocks [17] sind die gruppendynamischen Prozesse im Projektlabor ausgerichtet.
Das Lernen von Fakten ist dem Verstehen durch Üben von Methoden und Techniken nachgeordnet (I see - I forget, I hear - I remember; I do - I understand). Die berufsnahe Verknüpfung und Erprobung des Gelernten steht im Vordergrund. Im folgenden werden einige methodische und organisatorische Maßnahmen aufgelistet, die von den Studierenden als besonders positiv gewertet wurden:
Trotz aller Maßnahmen, um den studentischen Lernprozeß zu unterstützen, bedarf es didaktisch mehr: Ein Studienmodell sollte einen Grundgedankengang haben, einen didaktischen Leitfaden, der sich durch die Lehrveranstaltungen und deren Sitzungen zieht:
In diesem Sinne orientieren wir die Lehrinhalte des Systementwurfs an fächerübergreifenden Leitbildern.
Bild 4 nennt die Leitbilder und zeigt ihre Einordnung im Studienmodell Informatik-Systemtechnik. Wir unterteilen sie entsprechend ihrer Herkunft in
Das Bild 4 suggeriert gelehrte und geprobte Leitbilder: individuell gelehrt werden sie alle, gemeinsam geprobt werden sie nur im Projektlabor.
Bild 4: Die Leitbilder im
Studienmodell
(zurück in den Text, zurück
zu "Evaluation der Leitbilder")

Es gibt keine isolierten Systeme, jedes System steht im Kontext anderer. Der Entwerfer hat stets das eingebettete Ziel vor Augen: die geforderte Systemfunktion, die vorgesehene Umgebung und die zu gestaltende Schnittstelle zwischen System und Umgebung. Die Systemfunktion besitzt technische und wirtschaftliche Aspekte: die Machbarkeit und den unternehmerischen Gewinn. Die Systemumgebung hat im allgemeinen ökologische Aspekte: die Verträglichkeit der Technikfolgen. Und die Systemschnittstelle hat ergonomische Aspekte: die Akzeptanz durch den Benutzer. Der Systementwerfer denkt und handelt im Kontext von Funktion, Umgebung und Schnittstelle. Die ganzheitliche Systemsicht entscheidet über die Qualität sowohl des Entwurfsprozesses als auch des Entwurfsprodukts [4].
Welche Entwürfe setzen System-Kompetenz voraus? Informatiksysteme [23]. Das sind rechnergestützte komplexe und hybride Artefakte. Sie sind komplex, da sie sich aus verteilten Systemen zusammensetzen, die wiederum verteilte Systeme sein können. Sie sind hybrid, da sie sowohl Software als auch digitale und analoge Hardware umfassen: Rechner und Peripherie, Datenbanken, Sensoren und Aktoren. Die Systemteile können geographisch verteilt oder lokal eng gekoppelt sein. Beispiele sind Leitsysteme für Gebäudekomplexe oder Fertigungssteuerungen.
System-Kompetenz entwickelt sich erst in langjähriger Berufserfahrung. Das Bewußtsein hierfür zu schaffen, ist aber Aufgabe der Ingenieurausbildung. Das Ideal ist der systemdenkende Generalist; die Sicht des Modul-Spezialisten ist für den Systementwurf unzureichend [24].
Der Systementwurf ist stets mehrphasig, auch wenn die Entwurfsautomatisierung die späten Phasen transparent hält. Die Bedeutung der Phasenschnittstellen verschiebt sich in Richtung der Spezifikation: Das Lastenheft spezifiziert die Systemanforderungen und die Gebrauchsfälle. Es ist das Ergebnis der Anwendungsmodellierung und die vertragliche Schnittstelle zum Auftraggeber. Das Pflichtenheft spezifiziert Art und Umfang der technischen Realisierung. Es ist das Ergebnis des Hardware-Software-Codesigns und eventuell die vertragliche Schnittstelle zu einem Dienstleister oder Zulieferer. Die Phasen der technischen Realisierung erfolgen in möglichst flexiblen und wiederverwendbaren Entwurfsmedien: in Entwurfsdatenbanken und programmierbaren Hardware-Strukturen. Schnittstellen sind stets Orte des Methoden- und Werkzeugwechsels.
Schnittstellen-Kompetenz ist die Synergie aus Methoden- und Werkzeug-Kompetenz. Das Wissen um die Spezifikation der Schnittstellen - formale Hard-und Software-Beschreibungen, Austauschformate, Datenbankschemata - zeichnet den Systementwerfer vor dem Modulentwerfer aus. Der Systementwerfer orientiert sich schnittstellenübergreifend: er nimmt die Belange der späten Phasen vorweg und führt sie als Korrektiv in die frühen Phasen zurück. Antizipation und Rückkopplung von Entwurfsentscheidungen bestimmen den Entwicklungszyklus. In allen Phasen des Systementwurfs treten Modellmonopole [17] auf, die es dialogisch im Team zu überwinden gilt.
Neben den technischen Schnittstellen beeinflussen besonders die zwischenmenschlichen Schnittstellen die Entwurfsqualität und -produktivität: Ein arbeitsteiliger Prozeß setzt kooperative und kommunikative Fähigkeiten voraus - soft skills. Die soziale Kompetenz des Systementwerfers ist so wichtig wie seine fachliche. Kundenbefragungen, Projektbesprechungen, Delegation von Aufgaben, Auswahlgespräche mit Dienstleistern und Zulieferern, Präsentation von Ergebnissen und andere zwischenmenschliche Situationen im Systementwurf fordern die nicht-technische Kompetenz [4, 7, 15, 17].
Persönlichkeitstraining liegt außerhalb der Ingenieurausbildung. Das Bewußtsein für Defizite und erste Erfahrungen mit gruppendynamischen Prozessen sind aber durchaus vermittelbar: Selbstorganisierte studentische Miniprojekte in Kooperation mit Ingenieurbüros (von der Projektplanung bis zum Prototypen) sind hier das didaktische Vehikel. Die Bedeutung von Projektgruppen ist in den Lehrplänen der Informatik bereits fest verankert. Übungen und Praktika zum Systementwurf sollten grundsätzlich in Projektgruppen organisiert werden.
Die Didaktik komplexer Entwürfe fordert eine begriffliche und zugleich technische Grundeinheit des Entwerfens. Gefordert ist die Kapselung von Struktur, Verhalten und Beschränkung. In diesem dreifachen Aspekt der Kapselung korrespondiert der zellbasierte Hardware-Entwurf mit dem objektorientierten Software-Entwurf. Beide Strategien zu integrieren, würde den hybriden Systementwurf aus Soft- und Hardware-Komponenten methodisch und didaktisch vereinheitlichen [9]. Die Objektorientierung führt die zellbasierte Entwurfsstrategie konzeptionell weiter: Sie durchdringt alle Phasen des Systementwurfs - von der Spezifikation bis zur Realisierung [20].
( Einführung)
Es gibt nur wenige Universal-Strategien für den technischen Entwurf - Entwurfsmuster zählen zu den bedeutendsten. Wie kann der unerfahrene Entwerfer die Erfahrung des Experten nutzen? Wie läßt sich Erfahrung (= erprobtes Wissen) für die Wiederverwendung dokumentieren? Durch Muster! Musterorientierte Entwurfsstrategien gibt es seit langem für den Gebäude-Entwurf und die Städteplanung [1], seit kurzem für die Software-Technik [5, 8] und demnächst für den Schaltungsentwurf.
Erfahrungstransfer und Erfahrungsersatz sind durch hypertext-gestützte Musterkataloge systematisierbar. Überdies fördert der mustergeführte Entwurf die Motivation des Laien-Entwerfers: Entwurfsmuster als praxiserprobte Einheiten aus Problemstellung und Lösungsansatz verkürzen die Lernphase und schaffen didaktisch wichtige Erfolgserlebnisse. Als Extrakt wissenschaftlicher Arbeiten (technischer Diplomarbeiten und Dissertationen) gewähren Entwurfsmuster das schnelle Erfassen des Forschungsstands einer Fachgruppe.
Ein pragmatisches Konzept, die Entwurfskomplexität zu reduzieren, heißt CAD-Framework: Standardisierte Infrastrukturen für Entwurfswerkzeuge, die auf einem gemeinsamen Datenbestand operieren, gewährleisten Integrität durch Integration. Integratives Entwerfen rückt 2 Facetten der Informationsverarbeitung in den Mittelpunkt:
Damit gehen zwei Gegenstände der Modellierung einher:
Der deskriptive Aspekt umfaßt die statischen Strukturen der Entwurfsobjekte. Hier bietet die Informationsmodellierung (zum Beispiel in der Objekt-Sprache Express) die Strukturmittel, um den Informationsgehalt semi-formal zu beschreiben. Der prozedurale Aspekt zielt auf die Interaktion zwischen den Entwurfswerkzeugen. Da Transferdienste auf der Datei-Ebene zu grobkörnig sind, müssen die Werkzeuge über semantische Datenmodelle integriert werden.
Der Systementwerfer sollte also die Probleme jenseits der Entwurfswerkzeuge gut kennen [18]. Dies setzt datenbanktechnisches Wissen voraus: Management der Entwurfstransaktionen und Versionierung der Entwurfsobjekte.
Redesigns sind prinzipiell unvermeidbar, denn innovative komplexe Entwürfe folgen dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Redesigns sind aber kostspielig, wenn maskenprogrammierbare Schaltungen (ASIC) eingesetzt werden. Feldprogrammierbare Schaltungen (FPGA) schaffen hier Abhilfe: Sie sind das Hardware-Pendant zum ausführbaren Zielcode eines Rechnerprogramms. Kommen weitere weiche Hardware-Strukturen hinzu, wie programmierbare Analogschaltungen und Verbindungselemente, so steht ein durchgängig feldprogrammierbares Zielmedium zur Verfügung. Flexibles Entwerfen ist dann von der Systemebene bis zur Hardware-Implementierung möglich: Rapid Prototyping analog zur Software-Technik [2, 22].
Die Leitbilder 1 bis 3 im Bild 4 entspringen zahlreichen Arbeitsmarktstudien für Informatik-Absolventen, vor allem [4, 7]. Die Leitbilder 4 und 6 waren Gegenstand eines BMFT-Projekts [19] und die Leitbilder 5 und 7 sind aktueller Forschungsgegenstand unserer Fachgruppe. Der reguläre Vorlesungszyklus Informatik-Systemtechnik soll im Wintersemester 1999/2000 beginnen. Als Vorläufer wird seit dem Wintersemester 1994/95 die Lehrveranstaltung OOS I/II Objektorientierter Systementwurf angeboten [21], wobei das Laborkonzept Projektlabor bislang auf die Projektgruppe reduziert ist, und somit das in [10] beschriebene IST-Werkzeugszenario noch nicht zum Tragen kommt.
Die OOS-Vorträge und Seminarübungen wurden von den Studierenden anhand der Fragebögen aus [16] evaluiert. Im Vordergrund der Bewertung stand nicht so sehr die Präsentation der Lehrinhalte, sondern vielmehr die Motivation für die aktive Gestaltung des eigenen Studiums. Tenor der Evaluation: eine Mehrheit hat das Konzept des Studienmodells angenommen und will die aufgezeigte Vertiefungsrichtung Informatik-Systemtechnik weiter verfolgen.