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7 Leitbilder
für die Lehre des Systementwurfs:
ein Studienmodell der Informatik-Systemtechnik

Walter Lang, Klaus Quibeldey-Cirkel, Hans Wojtkowiak

© Vierhaus, H. T.; Rosenstiel, W. (Hrsg.)
Gesellschaft für Mathematik und Datenverarbeitung (GMD)
In: Tagungsband zum 7. E.I.S.-Workshop, Chemnitz-Zwickau. 1995. S. 145-154

Die “Halbwertszeit” des Informatikwissens wird auf 3-4 Jahre geschätzt, technologieneutrales Wissen währt im allgemeinen länger [6]. Damit einher geht die Diskussion um Langzeit-Anforderungen an die berufliche Qualifizierung der Informatik-Studierenden. Es werden Stimmen laut, die eine Revision der Lehrinhalte alle 5-6 Jahre fordern [13]. Die curricularen Forderungen reichen von Reformansätzen über die Gründung neuer Studiengänge bis zur Umstrukturierung der Kern-Informatik in eine Technik-Wissenschaft [11] oder System-Informatik [14]. Parallel sind IEEE-Bestrebungen im Gange, das Curriculum einer fächerübergreifenden Ingenieurdisziplin zu erstellen: ECBS, “Engineering of Computer-Based Systems”, übertragen Informatik-Systemtechnik [23]. Ziel ist der industrielle Systementwurf aus analogen, digitalen und mechanischen Komponenten.

Unser Beitrag beschreibt den Weg zu einem mittelfristig realisierbaren ECBS-Curriculum: Wir stellen ein Studienmodell vor, das eine berufsqualifizierende Vertiefung im Systementwurf bietet. Die Konzeption des Studienmodells orientiert sich an Leitbildern, die wir hier näher erläutern.


Schlüsselworte: Entwurfslehre, Systementwurf, ECBS, Informatik-Systemtechnik, Studienmodell, Projektlabor, Qualität der Lehre



Überblick


Lehre des Systementwurfs

Edward Yourdon hat es in “Decline and Fall of the American Programmer” [25] vorweggenommen: Das klassische Berufsbild des Informatikers verblaßt; Outsourcing - die Verlagerung der Programmier-Dienstleistungen in “Billig-Lohnländer” - macht den Haus-Informatiker wirtschaftlich obsolet.

“Man kann […] sagen, daß die bei uns überwiegende Produktion von Prozedural-Informatikern (> 90 % der Absolventen mit Praktischer Informatik als Schwerpunkt) inzwischen sehr bedenklich geworden ist” [14].

Das Anforderungsprofil der Wirtschaft hat sich radikal gewandelt: Gesucht wird der System-Informatiker,

“... der ein Problem jeweils gleichrangig kompetent
(a) in Software,
(b) in Hardware und
(c) in einer Kombination aus beiden lösen kann” [14].

Gerade der Systementwurf von Embedded Systems verlangt den Mix aus Soft- und Hardware-Kompetenzen. Didaktisches Ziel einer jeden Ausbildung ist der wettbewerbsfähige Absolvent. Wettbewerbsfähigkeit wird stets neu definiert, je nach Stand der Technik und den Bedürfnissen des Marktes: technology push - market pull. Praxis-Adäquanz sollte also im Mittelpunkt der curricularen Diskussion zur Informatik-Ausbildung stehen.


Entwurfslehre im großen

Die curriculare Standortbestimmung der Entwurfslehre findet derzeit in einem didaktisch großen Rahmen statt: eigenständige wissenschaftliche Studiengänge stehen in der Diskussion. Dabei zeichnen sich 3 Zielkategorien ab:

  1. inter-disziplinär im Überschneidungsbereich der Informatik mit den klassischen Ingenieurwissenschaften (VLSI-Entwurf und Software-Engineering),
  2. intra-disziplinär im Bereich der Technischen Informatik und
  3. disziplinär im Gesamtbereich der klassischen Informatik.

Die wichtigsten Niederschläge dieser Diskussion werden kurz skizziert:

  1. IEEE-Initiative ECBS “Engineering of Computer-Based Systems”
    Industrielle Systeme verbinden heute logistische mit technischen Funktionen auf der Grundlage mikroelektronischer und mechanischer Komponenten. Die Informatik liefert die Methoden, Werkzeuge und Techniken für die Integration der Komponenten. Beispiele für diese Systemklasse sind rechnergestützte Telekommunikations- und Flugleitsysteme. Als Sammelbegriff wird hierfür “Informatiksysteme” vorgeschlagen [23]. Die Ingenieurdisziplin, die sich mit der Lehre von Informatiksystemen befassen soll, heißt “Informatik-Systemtechnik” (deutsche Übertragung von ECBS). Bild 1 zeigt die interdisziplinären Überschneidungen zwischen den technischen Entwurfsfeldern der Informatik und den klassischen MSR-Techniken (Messen, Stellen und Regeln).

  2. Studiengänge der Technischen Informatik
    Die Technische Informatik versteht sich primär als “Technik-Wissenschaft” [11] mit einem Bekenntnis zur ingenieurgemäßen Vorgehensweise. Dieses Selbverständnis spiegelt sich in den Bezeichnungen der Studiengänge wider: Beispiele sind die “Ingenieur-Informatik” an der Universität Dortmund, die “Techno-Informatik” an der Universität Kaiserslautern oder die “Informationstechnik” an der Universität Paderborn [14].

  3. Neustrukturierung der Kern-Informatik
    In [14] schlägt Klaus Waldschmidt einen umfassenden alleinigen Studiengang “System-Informatik” vor, angelehnt an den angelsächsischen Begriff “Computational Science”. Jedes Teilgebiet im Bild 2 wird gleichermaßen in Theorie, Praxis und Anwendung vertreten. Ein fundiertes mathematisches Grundstudium wird vorausgesetzt.


Bild 1: Disziplinen des Systementwurfs
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Bild 2: Vorschlag zur Neustrukturieung
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Der von uns verfolgte Weg zu einem mittelfristig realisierbaren ECBS-Curriculum heißt Studienmodell. Es definiert einen didaktisch kleinen Rahmen innerhalb eines etablierten Informatik-Studiengangs.


Entwurfslehre im kleinen

Neue Studiengänge sind verwaltungstechnisch und finanziell zu aufwendig und in der Umsetzung zu langwierig. Aus dem Ergebnisbericht des 1. Treffens der Hochschullehrer für Technische Informatik zur eigenen Standortbestimmung:

“ … Dennoch wurde vor zu vielen Reformansätzen gewarnt. Man muß die Mängel bei der Informatik abstellen, nicht neue Richtungen konstruieren, die die Gefahr bieten, nach außen hin wie Luftschlösser zu wirken.” [14]

Das steht im Einklang mit den Empfehlungen des Deutschen Stifterverbandes zur Qualifikation von Hochschulabsolventen:

“ … keine weiteren spezialisierten Studiengänge mehr einzurichten, bestehende Studiengänge zu straffen und dabei auch die Qualifikationsanforderungen der Wirtschaft zu berücksichtigen.” [15]

Oder, um es auf den Punkt zu bringen, das Hochschulrahmengesetz fordert geradezu die ständige Studienreform in §8:

“Hochschulen haben […] Inhalte und Formen des Studiums im Hinblick auf die Entwicklung der Wissenschaft (und Kunst), die Bedürfnisse der beruflichen Praxis und die notwendigen Veränderungen in der Berufswelt zu überprüfen und weiterzuentwickeln.” [16]

Und §10 betont, daß Studiengänge zu einem berufsqualifizierenden Abschluß führen. Unserer Erfahrung nach kann man mit neuen Studiengängen nicht flexibel und schnell genug auf veränderte Berufsbilder reagieren. Anders verhält es sich dagegen mit Studienmodellen: Hier sind zeitgemäße berufsqualifizierende Vertiefungsrichtungen relativ einfach aus bestehenden und neuen Lehrveranstaltungen konfigurierbar (thematischer Fächerkatalog). Im folgenden beschreiben wir diesen Weg am Beispiel des Studienmodells “Informatik-Systemtechnik”.


Die Siegener Situation

Traditionell besteht eine enge Verzahnung zwischen Informatik und Elektrotechnik: Bild 3. Die Siegener Situation ist durch den gemeinsamen Fachbereich beider Disziplinen gekennzeichnet. Allerdings existiert kein eigenständiger Studiengang Informatik; angeboten wird allein der Studiengang Technische Informatik, der mit dem Grad “Diplom-Ingenieur” abschließt. Die Verzahnung beider Disziplinen findet ihre Ausprägung vor allem in der Mikro-Systemtechnik. Ein Beispiel für die dabei entstehende Hardware-Software-Synergie ist das von uns als Posterbeitrag zum E.I.S.-Workshop vorgestellte Laborvehikel des “anwendungsspezifischen Steuerungsrechners” [10]. Anhand dieses Vehikels lehren wir Rechner-Architektur und Compilerbau im Kontext der Automatisierungstechnik (erst die konkrete Anwendung zeigt die Leistungsfähigkeit einer Rechner-Architektur, und eine Architektur ist nur so gut wie ihr Compiler).

Der Studiengang Technische Informatik ist somit prädestiniert für Vertiefungsrichtungen mit mikro-systemtechnischen Bezügen. Bisweilen ist es den Studierenden überlassen, welche Wahlpflichtfächer sie miteinander kombinieren. Die Erfahrung zeigt aber, daß die Studierenden in ihren Wahlmöglichkeiten vielfach überfordert sind. Es fehlt das Wissen um die curricularen Querbezüge, um Studienschwerpunkte praxisadäquat bilden zu können. Das Konzept des Studienmodells kann hier die nötige Orientierung leisten. Im folgenden werden wir den curricularen Rahmen - das Studienmodell “Informatik-Systemtechnik” (IST) - näher erläutern.


Bild 3: Klassische Informatikbereiche
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Informatik-Systemtechnik

Die Veranstaltungsformen “Projektgruppe” und “Informatik-Seminar” bieten einen flexiblen und integrativen Vertiefungsrahmen innerhalb eines etablierten Studiengangs. Gerade die Informatik-Seminare werden in ihrer curricularen Bindungsfunktion meist unterschätzt. Die jederzeit aktualisierbaren Themenkataloge und “Reader” (Sammlung ausgewählter Fachaufsätze) können als Katalysatoren für Interessenschwerpunkte fungieren: Die Seminarthemen und die Seminarliteratur motivieren viele Teilnehmer zum Besuch weiterführender Lehrveranstaltungen. Beispiele unserer Erfahrung: Das Seminar “Entwurfsdatenbanken” motiviert die Vertiefung in den Fächern “Informationssysteme” und “Software-Entwicklungsumgebungen”; das Seminar “Entwurfsmuster” motiviert die Vertiefung im Fach “Programmiermethodik”. Analoges gilt für das “Projektlabor”: Aus dieser Laborform stammen derzeit die meisten unserer Diplomanden.

Inhaltlich vereinen wir die Informatik-Systemtechnik mit den objektorientierten Themen. Die engen Bezüge zwischen dem Objekt-Paradigma und der ECBS-Ingenieurdisziplin wurden in [21] herausgearbeitet. Unser Studienmodell umfaßt die folgenden Veranstaltungen:


Tabelle 1a: Lehr- und Übungsziele der IST I-Vorlesung (derzeit noch OOS I)
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"Informatik-Systemtechnik" IST I

Seminarübungen: Software-Entwurf

1. Überblick: Objektorientierter Systementwurf [20] 1. Organisation der Projektgruppen
2. Entwurfsparadigmen in der Informatik
3. Entwurfskomplexität 2. Übungen zur Entwurfsfreiheit
4. Komplexitätsbewältigung
5. Software-Industrialisierung 3. OOAD: Booch-Methode [3]
6. OOx: Abstrahieren, Teilen, Kommunizieren
7. OOAD: Grundlagen der Analyse- & Designmethoden 4. Booch-Methode: Notation I
8. OOP. Definition & Einordnung der Objekt-Sprachen
9. Kognitive Aspekte: Entwerfen als Problemlösen 5. Booch-Methode: Notation II
10. Vom "Tripel des Objekts": Struktur & Verhalten & Constraints
11. Managementaspekte: Techniktransfer & Projektorganisation 6. OOAD: Entwurfsbeispiel
12. Von einer "Wissenschaft des Entwerfens"
13. Rückblick: Fragenkatalog & Lehr-Evaluation

Projektziel in der vorlesungsfreien Zeit: OOAD-Modell des Informatiksystems

Tabelle 1b: Lehr- und Übungsziele der IST II-Vorlesung (derzeit noch OOS II)
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"Informatik-Systemtechnik" IST II

Seminarübungen: Hardware-Entwurf

1. Überblick: Leitbilder der Informatik-Systemtechnik 1. Grundlagen zum Prozessorentwurf
2. Ökonomie des Entwerfens: Wiederverwendung
3. Wiederverwendbares Expertenwissen: Entwurfsmuster 2. Entwurf integrierter HW-Systeme
4. Wiederverwendbare Infrastrukturen: CAD-Frameworks
5. Das Für und Wider formaler Methoden 3. Grundlagen zum Compilerbau
6. Formalismen I: Constraint-Systeme
7. Formalismen II: Hardware-Software-Codesign 4. CAD-Werkzeuge: Fallstudie I
8. Formalismen III: Feldprogrammierbare Hardwaresysteme
9. Berufsbild "System-Informatiker" 5. CAD-Werkzeuge: Fallstudie II
10. Rückblick: Fragenkatalog & Lehr-Evaluation

Projektziel in der vorlesungsfreien Zeit: Programmierung des Informatiksystems auf UPCS-Basis [10]


Tabelle 2: Themen des Proseminars
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"Objektorientierte Konzepte und Anwendungen" OOKA

1. Objektorientierung: Historie & Einordnung
2. Abstrahieren: Begriff - Klasse - Objekt
3. Teilen: Ausprägung & Vererbung
4. Kommunizieren: Polymorphie & Message passing
5. Objektorientierung im Software-Engineering
6. Systemanalyse z. B. nach Coad/Yourdon
7. Systementwurf z. B. nach Coad/Yourdon
8. Programmieren in Eiffel: Zusicherungskonzept
9. Programmieren in Java oder C++: hybrid vs. homogen
10. Dauerhafte Objekte: Datenbank-Managementsysteme
11. Wiederverwenden: Entwurfsmuster & Frameworks
12. Objektorientierung: ein Grundprinzip der Informatik?

Tabelle 3: Themenauszug des Seminars
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"Entwurfsmuster" EM

1. Entwurfsmuster: Begriffsbestimmung
2. Architektonische Entwurfsmuster [1]
3. Entwurfsmuster & Software-Wiederverwendung
4. Entwurfsmuster-Kataloge [8]
5. Mustergeführtes Entwerfen & OOAD
6. Dokumentation mit Entwurfsmustern
7. Hardware-Entwurfsmuster an Beispielen
8. Software-Entwurfsmuster an Beispielen

Tabelle 4: Themenauszugs des Seminars
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"Entwurfsdatenbanken" EDB

1. Semantische Datenmodellierung
2. Informationsmodellierung mit Express
3. Objektorientierte Datenbanken am Beispiel
4. Kooperativer Entwurf: Transaktionen & Versionen
5. CAx-Entwurfsdatenbanken
6. VHDL-Entwurfsverwaltung
7. VHDL-Synthesesysteme an Beispielen
8. Software-Entwicklungsumgebungen
9. Kooperative Autorensysteme

Zur Qualität der Lehre

Zum Thema “gute Lehre” und “effektive Lehre” siehe [16]. Wir teilen die dort vertretene Meinung, “daß häufig gute Lehre auf Medieneinsatz und die bessere Präsentation beliebiger Inhalte reduziert wird. Traditionelle Lehre wird oft fortgeschrieben, Forschungsergebnisse über studentisches Lernen werden nicht aufgenommen”. Mit unserem Studienmodell “Informatik-Systemtechnik” wollen wir primär die Studierenden auf die autonome Bewältigung professioneller und personeller Probleme vorbereiten. Auf die Überwindung des Praxisschocks [17] sind die gruppendynamischen Prozesse im Projektlabor ausgerichtet.

Das Lernen von Fakten ist dem “Verstehen durch Üben” von Methoden und Techniken nachgeordnet (I see - I forget, I hear - I remember; I do - I understand). Die berufsnahe Verknüpfung und Erprobung des Gelernten steht im Vordergrund. Im folgenden werden einige methodische und organisatorische Maßnahmen aufgelistet, die von den Studierenden als besonders positiv gewertet wurden:

Trotz aller Maßnahmen, um den studentischen Lernprozeß zu unterstützen, bedarf es didaktisch mehr: Ein Studienmodell sollte einen Grundgedankengang haben, einen didaktischen Leitfaden, der sich durch die Lehrveranstaltungen und deren Sitzungen zieht:

“Auf diese Weise werden die einzelnen Wissensgebiete nicht nur additiv aneinandergereiht. Sie bilden vielmehr einen sinnvollen Zusammenhang, der, wenn er transparant wird, die Einsicht der Studierenden in die Sache fördert.” [16]

In diesem Sinne orientieren wir die Lehrinhalte des Systementwurfs an fächerübergreifenden Leitbildern.


Die 7 Leitbilder

Bild 4 nennt die Leitbilder und zeigt ihre Einordnung im Studienmodell “Informatik-Systemtechnik”. Wir unterteilen sie entsprechend ihrer Herkunft in

Das Bild 4 suggeriert gelehrte und geprobte Leitbilder: individuell gelehrt werden sie alle, gemeinsam geprobt werden sie nur im Projektlabor.


Bild 4: Die Leitbilder im Studienmodell
(zurück in den Text, zurück zu "Evaluation der Leitbilder")

 


Leitbilder der Praxis


Leitbild: “System-Kompetenz

Es gibt keine isolierten Systeme, jedes System steht im Kontext anderer. Der Entwerfer hat stets das “eingebettete” Ziel vor Augen: die geforderte Systemfunktion, die vorgesehene Umgebung und die zu gestaltende Schnittstelle zwischen System und Umgebung. Die Systemfunktion besitzt technische und wirtschaftliche Aspekte: die Machbarkeit und den unternehmerischen Gewinn. Die Systemumgebung hat im allgemeinen ökologische Aspekte: die Verträglichkeit der Technikfolgen. Und die Systemschnittstelle hat ergonomische Aspekte: die Akzeptanz durch den Benutzer. Der Systementwerfer denkt und handelt im Kontext von Funktion, Umgebung und Schnittstelle. Die ganzheitliche Systemsicht entscheidet über die Qualität sowohl des Entwurfsprozesses als auch des Entwurfsprodukts [4].

Welche Entwürfe setzen System-Kompetenz voraus? Informatiksysteme [23]. Das sind rechnergestützte komplexe und hybride Artefakte. Sie sind komplex, da sie sich aus verteilten Systemen zusammensetzen, die wiederum verteilte Systeme sein können. Sie sind hybrid, da sie sowohl Software als auch digitale und analoge Hardware umfassen: Rechner und Peripherie, Datenbanken, Sensoren und Aktoren. Die Systemteile können geographisch verteilt oder lokal eng gekoppelt sein. Beispiele sind Leitsysteme für Gebäudekomplexe oder Fertigungssteuerungen.

System-Kompetenz entwickelt sich erst in langjähriger Berufserfahrung. Das Bewußtsein hierfür zu schaffen, ist aber Aufgabe der Ingenieurausbildung. Das Ideal ist der “systemdenkende” Generalist; die Sicht des Modul-Spezialisten ist für den Systementwurf unzureichend [24].


Leitbild: “Schnittstellen-Kompetenz

Der Systementwurf ist stets mehrphasig, auch wenn die “Entwurfsautomatisierung” die späten Phasen transparent hält. Die Bedeutung der Phasenschnittstellen verschiebt sich in Richtung der Spezifikation: Das Lastenheft spezifiziert die Systemanforderungen und die Gebrauchsfälle. Es ist das Ergebnis der Anwendungsmodellierung und die vertragliche Schnittstelle zum Auftraggeber. Das Pflichtenheft spezifiziert Art und Umfang der technischen Realisierung. Es ist das Ergebnis des Hardware-Software-Codesigns und eventuell die vertragliche Schnittstelle zu einem Dienstleister oder Zulieferer. Die Phasen der technischen Realisierung erfolgen in möglichst flexiblen und wiederverwendbaren Entwurfsmedien: in Entwurfsdatenbanken und programmierbaren Hardware-Strukturen. Schnittstellen sind stets Orte des Methoden- und Werkzeugwechsels.

Schnittstellen-Kompetenz ist die Synergie aus Methoden- und Werkzeug-Kompetenz. Das Wissen um die Spezifikation der Schnittstellen - formale Hard-und Software-Beschreibungen, Austauschformate, Datenbankschemata - zeichnet den Systementwerfer vor dem Modulentwerfer aus. Der Systementwerfer orientiert sich schnittstellenübergreifend: er nimmt die Belange der späten Phasen vorweg und führt sie als Korrektiv in die frühen Phasen zurück. Antizipation und Rückkopplung von Entwurfsentscheidungen bestimmen den Entwicklungszyklus. In allen Phasen des Systementwurfs treten Modellmonopole [17] auf, die es dialogisch im Team zu überwinden gilt.


Leitbild: “Team-Kompetenz

Neben den technischen Schnittstellen beeinflussen besonders die zwischenmenschlichen “Schnittstellen” die Entwurfsqualität und -produktivität: Ein arbeitsteiliger Prozeß setzt kooperative und kommunikative Fähigkeiten voraus - soft skills. Die soziale Kompetenz des Systementwerfers ist so wichtig wie seine fachliche. Kundenbefragungen, Projektbesprechungen, Delegation von Aufgaben, Auswahlgespräche mit Dienstleistern und Zulieferern, Präsentation von Ergebnissen und andere “zwischenmenschliche Situationen” im Systementwurf fordern die nicht-technische Kompetenz [4, 7, 15, 17].

Persönlichkeitstraining liegt außerhalb der Ingenieurausbildung. Das Bewußtsein für Defizite und erste Erfahrungen mit gruppendynamischen Prozessen sind aber durchaus vermittelbar: Selbstorganisierte studentische “Miniprojekte” in Kooperation mit Ingenieurbüros (von der Projektplanung bis zum Prototypen) sind hier das didaktische Vehikel. Die Bedeutung von Projektgruppen ist in den Lehrplänen der Informatik bereits fest verankert. Übungen und Praktika zum Systementwurf sollten grundsätzlich in Projektgruppen organisiert werden.


Leitbilder der Forschung


Leitbild: “Objektorientiertes Entwerfen

Die Didaktik komplexer Entwürfe fordert eine begriffliche und zugleich technische Grundeinheit des Entwerfens. Gefordert ist die Kapselung von Struktur, Verhalten und Beschränkung. In diesem dreifachen Aspekt der Kapselung korrespondiert der zellbasierte Hardware-Entwurf mit dem objektorientierten Software-Entwurf. Beide Strategien zu integrieren, würde den hybriden Systementwurf aus Soft- und Hardware-Komponenten methodisch und didaktisch vereinheitlichen [9]. Die Objektorientierung führt die zellbasierte Entwurfsstrategie konzeptionell weiter: Sie durchdringt alle Phasen des Systementwurfs - von der Spezifikation bis zur Realisierung [20].


Leitbild: “Mustergeführtes Entwerfen

( Einführung)

Es gibt nur wenige Universal-Strategien für den technischen Entwurf - Entwurfsmuster zählen zu den bedeutendsten. Wie kann der unerfahrene Entwerfer die Erfahrung des Experten nutzen? Wie läßt sich Erfahrung (= erprobtes Wissen) für die Wiederverwendung dokumentieren? Durch Muster! Musterorientierte Entwurfsstrategien gibt es seit langem für den Gebäude-Entwurf und die Städteplanung [1], seit kurzem für die Software-Technik [5, 8] und demnächst für den Schaltungsentwurf.

Erfahrungstransfer und Erfahrungsersatz sind durch hypertext-gestützte “Musterkataloge” systematisierbar. Überdies fördert der mustergeführte Entwurf die Motivation des Laien-Entwerfers: Entwurfsmuster als praxiserprobte Einheiten aus Problemstellung und Lösungsansatz verkürzen die Lernphase und schaffen didaktisch wichtige Erfolgserlebnisse. Als Extrakt wissenschaftlicher Arbeiten (technischer Diplomarbeiten und Dissertationen) gewähren Entwurfsmuster das schnelle Erfassen des Forschungsstands einer Fachgruppe.


Leitbild: “Integratives Entwerfen

Ein pragmatisches Konzept, die Entwurfskomplexität zu reduzieren, heißt CAD-Framework: Standardisierte Infrastrukturen für Entwurfswerkzeuge, die auf einem gemeinsamen Datenbestand operieren, gewährleisten “Integrität durch Integration”. Integratives Entwerfen rückt 2 Facetten der Informationsverarbeitung in den Mittelpunkt:

  1. die Datenrepräsentation, das Modellieren und Schematisieren der Entwurfsinformation, und
  2. die Datenverwaltung, das konsistente Fortschreiben und Abfragen des Datenbestands.

Damit gehen zwei Gegenstände der Modellierung einher:

  1. deskriptive Austauschformate und
  2. prozedurale Werkzeugschnittstellen.

Der deskriptive Aspekt umfaßt die statischen Strukturen der Entwurfsobjekte. Hier bietet die Informationsmodellierung (zum Beispiel in der Objekt-Sprache Express) die Strukturmittel, um den Informationsgehalt semi-formal zu beschreiben. Der prozedurale Aspekt zielt auf die Interaktion zwischen den Entwurfswerkzeugen. Da Transferdienste auf der Datei-Ebene zu “grobkörnig” sind, müssen die Werkzeuge über semantische Datenmodelle integriert werden.

Der Systementwerfer sollte also die Probleme jenseits der Entwurfswerkzeuge gut kennen [18]. Dies setzt datenbanktechnisches Wissen voraus: Management der Entwurfstransaktionen und Versionierung der Entwurfsobjekte.


Leitbild: “Flexibles Entwerfen

Redesigns sind prinzipiell unvermeidbar, denn innovative komplexe Entwürfe folgen dem Prinzip von Versuch und Irrtum. Redesigns sind aber kostspielig, wenn maskenprogrammierbare Schaltungen (ASIC) eingesetzt werden. Feldprogrammierbare Schaltungen (FPGA) schaffen hier Abhilfe: Sie sind das Hardware-Pendant zum ausführbaren Zielcode eines Rechnerprogramms. Kommen weitere “weiche” Hardware-Strukturen hinzu, wie programmierbare Analogschaltungen und Verbindungselemente, so steht ein durchgängig feldprogrammierbares Zielmedium zur Verfügung. Flexibles Entwerfen ist dann von der Systemebene bis zur Hardware-Implementierung möglich: “Rapid Prototyping” analog zur Software-Technik [2, 22].


Evaluation der Leitbilder

Die Leitbilder 1 bis 3 im Bild 4 entspringen zahlreichen Arbeitsmarktstudien für Informatik-Absolventen, vor allem [4, 7]. Die Leitbilder 4 und 6 waren Gegenstand eines BMFT-Projekts [19] und die Leitbilder 5 und 7 sind aktueller Forschungsgegenstand unserer Fachgruppe. Der reguläre Vorlesungszyklus “Informatik-Systemtechnik” soll im Wintersemester 1999/2000 beginnen. Als Vorläufer wird seit dem Wintersemester 1994/95 die Lehrveranstaltung OOS I/II “Objektorientierter Systementwurf” angeboten [21], wobei das Laborkonzept “Projektlabor” bislang auf die “Projektgruppe” reduziert ist, und somit das in [10] beschriebene IST-Werkzeugszenario noch nicht zum Tragen kommt.

Die OOS-Vorträge und Seminarübungen wurden von den Studierenden anhand der Fragebögen aus [16] evaluiert. Im Vordergrund der Bewertung stand nicht so sehr die Präsentation der Lehrinhalte, sondern vielmehr die Motivation für die aktive Gestaltung des eigenen Studiums. Tenor der Evaluation: eine Mehrheit hat das Konzept des Studienmodells angenommen und will die aufgezeigte Vertiefungsrichtung “Informatik-Systemtechnik” weiter verfolgen.


Literatur

  1. Alexander, C. et al.: A Pattern Language. Oxford University Press, New York, 1977
  2. Boemo, E. et al.: Field-Programmable Logic in Education: a Case Study. In: [12], S. 452-457
  3. Booch, G.: Object-Oriented Analysis and Design: with Applications. Benjamin/Cummings Publishing Company, Redwood City, Kalifornien, 2. Aufl., 1994
  4. Brodbeck, F. C.; Frese, M. (Hrsg.): Produktivität und Qualität in Software-Projekten: Psychologische Analyse und Optimierung von Arbeitsprozessen in der Software-Entwicklung. Oldenbourg-Verlag, München, 1994
  5. Coplien, J. O.: Software-Entwurfsmuster. Objekt-Spektrum, Jg. 1, H. 6, 1995, S. 52-58
  6. Clauser, C.: Kritische Analyse eines Paradigmenwechsels in der Software-Industrie - dargestellt am Beispiel des objektorientierten Ansatzes. Diplomarbeit, Universität Mannheim, 1995
  7. Dostal, W.: Berufsbilder in der Informatik. In: Informatik-Spektrum, Jg. 18, H. 3, 1995, S. 152-162
  8. Gamma, E. et al.: Design Patterns: Elements of Reusable Object-Oriented Software. Addison-Wesley, Reading, 1995
  9. Glunz, W.: Hardware-Entwurf auf abstrakten Ebenen unter Verwendung von Methoden aus dem Software-Entwurf. Dissertation, Paderborn, 1994
  10. Klose, B. et al.: E.I.S.-Labore: eine Siegener Chronik. Posterbeitrag zum 7. E.I.S.-Workshop, TU Chemnitz-Zwickau, 1995
  11. Luft, A. L.: Informatik als Technik-Wissenschaft: Eine Orientierungshilfe für das Informatik-Studium. BI-Wissenschaftsverlag, Mannheim, 1988
  12. Luk, W.; Moore, W. R. (Hrsg.): More FPGAs. Abingdon EE&CS Books, Oxford GB, 1994
  13. N. N.: Interview: Professor Peter Lockemann und Dr. Wilhelm Denz zur Situation der Informatik-Ausbildung: Den stabilen Arbeitsplatz wird es nicht mehr geben. Informatik-Spektrum, Jg. 18, H. 2, 1995, S. 111-113
  14. N. N.: Unterlagen zum 1. Treffen der Hochschullehrer mit dem Arbeitsschwerpunkt Technische Informatik. Schloß Dagstuhl, 21.-22. April 1994
  15. N. N.: Qualifikation von Hochschulabsolventen. In: Forschung & Lehre, 8/1995, S. 466
  16. N. N.: Handbuch Hochschullehre: Informationen und Handreichungen aus der Praxis für die Hochschullehre. Raabe-Fachverlag, Loseblatt-Ausgabe, Bonn, 1994
  17. Pasch, J.: Software-Entwicklung im Team: Mehr Qualität durch das dialogische Prinzip bei der Projektarbeit. Springer-Verlag, Berlin et al., 1994
  18. Quibeldey-Cirkel, K.: CAD-Frameworks: Die Probleme jenseits der Entwurfswerkzeuge. In: Mikroelektronik, Jg. 7, H. 2, 1993, S. 72-76
  19. Quibeldey-Cirkel, K.: CAD-Frameworks: Ergebnisse des DASSY-Projekts. In: CAD-CAM Report, Jg. 12, H. 8, 1993, S. 16-23
  20. Quibeldey-Cirkel, K.: Das Objekt-Paradigma in der Informatik. Teubner-Verlag, Stuttgart, 1994
  21. Quibeldey-Cirkel, K.: Quo vadis, Informatik? Aspekte einer objektorientierten Entwurfslehre. In: Objekt-Spektrum, Jg. 2, H. 1, 1995, S. 30-36
  22. Schubert, E. et al.: The Use of FPGAs for Educational Purposes in VLSI Microprocessor Design. In: [12], S. 458-465
  23. Schweizer, G.; Thomé, B.: Informatik-Systemtechnik (ECBS): Gedanken zu einer Disziplin. Informatik-Spektrum, Jg. 16, 1993, S. 215-221
  24. Weinberg, G.: Systemdenken und Software-Qualität. Hanser-Verlag, München, 1994
  25. Yourdon, E.: Decline and Fall of the American Programmer. Prentice Hall, 1992

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