Das nicht-sequentielle Medium Hypertext*
birgt die Gefahr des Orientierungsverlusts im komplexen Graph aus
Knoten und Kanten.
Die Technologie Hypertext hat eine rasante Entwicklung hinter
sich [Nielsen,
1993]: Seit 1945 wurde sie in den Forschungslabors zunächst
konzeptionell vorgedacht, ab 1965 in verschiedenen
Forschungsprojekten und ab 1985 auch zunehmend kommerziell
eingesetzt. In den 90er Jahren dann die explosionsartige
Entwicklung des Internet: heute ist Hypertext in Form der
WWW-Sprache HTML* ein
Megatrend und nicht mehr aus der Umwelt des Menschen wegzudenken.
Die Verteilung von Information auf miteinander durch Links
verbundene Informationsfragmente ist zur Metapher der verteilten
und gleichsam vernetzten Welt geworden.

Bild 5: Die C³-Struktur
Das für diese Technologie doch eine so verhältnismäßig
lange Zeit bis zu ihrem Durchbruch verging, liegt an der
Komplexität und dem Aufwand, der hinter der Produktion,
Verwaltung und Darstellung von Informationen auf dieser Basis
steckt. Daher die Kehrseite der Medaille: Es gibt heute immer
noch viel mehr schlechte als gut gemachte Hyperdokumente.
Vergegenwärtigt man sich die Gesamtstruktur eines Hypertexts
(Bild 7) oder
zieht man eigene Erfahrungen mit diesem Medium heran
(Beispielsweise die Windows-Hilfe), so sind zwei Probleme
offensichtlich:
- Verlust der Orientierung im Dokument; keine Einschätzung
darüber, ob alle potentiell in Frage kommenden Stellen
der Dokumentation besucht wurden.
- Mangelnde Unterstützung bei der Wahl eines geeigneten
Pfades durch die Dokumente.
Diese Probleme gilt es zu lösen und dann bietet die
Verwendung von Hypertext für die Software-Dokumentation viele
massive Vorteile gegenüber der konventionellen sequentiellen
Papierdokumentation:
- Auf Basis konventioneller Dokumentation ist die typische
Verschachtelung von Software-Komponenten nur unzureichend
in Form einer Sequentialisierung darstellbar. Generell
ist es wünschenswert, die Struktur eines Entwurfs in die
Dokumentation abzubilden (siehe Dokumentationsmodell).
- Eine Hypertext-Dokumentation kann auf die individuellen
Anforderungen und das Vorwissen eines Lesers abgestimmt
werden durch Bereitstellung vorgegebener Pfade durch das
Dokument.
- Eine Projektdokumentation ändert sich fortlaufend und
übergreifend; die Verfügbarkeit der stets aktuellen
Fassung ist für den einzelnen Entwickler von größter
Wichtigkeit. Diese Tatsache kann mit konventioneller
Papierdokumentation nur durch teure und aufwendige
Distributionsvorgänge nachgekommen werden. Ein
elektronisches Medium ist hierfür geeigneter.
- Die Variantenbildung von Softwareprojekten führt zu
einer Vielzahl von leicht differierenden Versionen der
Dokumentation (siehe Evolution der Entwicklung
nachvollziehen). Auch aus diesem Grund ist ein
elektronisches Medium vorzuziehen.
- Durch Links können Beziehungen beliebiger Granularität
zwischen verschiedenen Dokumenten (auch unterschiedlichen
Typs beispielsweise Textdokumente und
Klassenmodell) hergestellt werden.
- Wünschenswerte strukturelle Komplexität und
Skalierbarkeit der Dokumentenstruktur ß à
Einfachheit und Überschaubarkeit
- Verschiedene Navigationstechniken ß
à Aufwand für deren
Bereitstellung

Bild 6: Screenshot der Konzeptstudie
"OSEFA-Designdokumentation" in C³-Struktur (siehe Prototyp)
Basis unserer Lösung ist die in Bild 3
dargestellte Abstraktionshierarchie die wir in [Blachnik, 1997]
(siehe auch Prototyp) in ein Dokumentenmodell (Bild 4)
umgesetzt haben. Diese Struktur wird durch die in Bild 5 schematisch
dargestellte C³-Struktur visualisiert. Das Ergebnis ist als
Bildschirmphoto in Bild
6 zu sehen.
Wichtige Konzepte, um die oben geschilderten Probleme in den
Griff zu bekommen sind zum Teil bereits prototypisch realisiert [Blachnik, 1997]
und ansonsten konzeptionell vorgedacht:
- Fisheye View [Nielsen,
1993]: Die im strukturellen oder semantischen Kontext
des aktuellen Knotens liegenden Knoten werden dem Leser
in Form von Links zur Auswahl angeboten (siehe Bild 5).
Diese Verweise werden z.T. automatisch erzeugt
(beispielsweise Links zu den Vater- und Kindklassen auf
der Klassenebene) oder vom Verfasser des Dokuments
generiert, wenn vorwiegend semantische Gründe eine Rolle
spielen (Beispiel).
- Backtracking [Nielsen,
1993]: Der Weg, den der Leser durch das Dokument
verfolgt ist für ihn jederzeit abrufbar (beispielsweise
durch eine Annotation der bereits besuchten Knoten, wie
in Bild 7
dargestellt). So ist es möglich, schnell zu gerade
besuchten Knoten zurückzukehren. In diesem Kontext steht
auch die durch HTML-Browser*
bereitgestellte benutzerdefinierte Adressenliste, in der
der Leser für ihn besonders wichtige Knoten verwalten
kann.
- Guided Tours [Meusel
et al., 1997]: Ein ganz wichtiges Konzept, das im
Kontext Software-Dokumentation in der genannten Arbeit
vorgestellt wurde, sind vorgegebene Pfade durch die
Dokumentation. Diese Pfade werden dem Leser in einer
Liste zusammen mit der Zielbeschreibung angeboten. Er
kann auf Basis seines Interesses auswählen und erhält
dann durch Verfolgung der Guided Tour genau die
Informationen zu dem ausgewählten Thema. Des weiteren
kann so die Dokumentation für verschiedene Benutzerprofile
zugeschnitten werden: Ein Wartungsprogrammierer sucht
andere Informationen, als ein Systemanalytiker, der den
Software-Entwurf verändern will oder als ein neuer
Mitarbeiter, der sich in die Projektdokumentation neu
einarbeiten muß. In Bild 7 ist
eine beispielhafte Hypertext-Gesamtstruktur dargestellt.
Die Abstraktionsebenen aus Bild
3 sind grau hinterlegt. Eine Guided Tour ist
durch Hervorhebung gekennzeichnet; der Leser befindet
sich in dem ausgezeichneten Dokumentknoten und die
bereits besuchten Knoten sind durch ein X annotiert.
Diese Darstellung wird dem Leser am Bildschirm dargeboten
werden und er kann durch Auswahl mit der Maus auf zu
einem beliebigen Knoten gelangen.
- Tree View [Dalitz, 1995]: Die baumartige
Darstellung von hierarchisch strukturierten Informationen
ist sehr kompakt und daher gut für die Anzeige großer
Informationsmengen geeignet. Durch die Möglichkeit,
Teilbäume dynamisch ein- und auszuklappen können Knoten
untergeordneter Wichtigkeit verborgen werden. Diese
Techik wird für die Darstellung der Versionsbäume und
als alternative Darstellung für andere Informationen
verwendet werden.
- Annotation [Odenthal, 1996c]: Die Dokumente sind in
dieser Sicht nicht veränderbar, der Benutzer sollte
allerdings eigene, in einer Mehrbenutzerumgebung jeweils
nur für ihn sichtbare Links und Kommentare einfügen
können, um die Orientierung im "Hyperspace" zu
verbessern (beispielsweise Lesezeichen oder Anmerkungen).

Bild 7: Hypertext-Gesamtstruktur mit einer Guided Tour,
den bisher besuchten Knoten (X) und dem aktuellen Knoten
Dokumentationsmodell,
Evolution
der Entwicklung nachvollziehen