Geschichten aus der guten alten Zeit

Eugenie Marlitt

Schulmeisters Marie

Die Hochzeit Mamsell Dore Marie Joseph

Vor der grünen Tanne ging es toll und lustig zu. Damit ist jedoch nicht etwa jene schlanke, steife Tochter des Nordens gemeint, die im Sommer ihr dunkelgrünes, rauhhaariges Haupt im Sonnenlicht badet und zur Winterzeit, feenhaft geschmückt, eine einzige Gastrolle in der Kinderstube gibt - ein reizendes Debüt, das selbst in der Erinnerung uralter Leute einen geheiligten Platz behauptet. Diese Tanne also war es nicht, wohl aber die stattliche Schenke in dem thüringischen Dorfe Ringelshausen, in deren Schild ein derber Tannenbaum prangte, der bereitwillig wandernde Handwerksburschen, vornehme Städter und müde Kärrner unter seinem Schatten beherbergte und der nur denen seine spitzen Nadeln zeigte, welche die kabbalistischen Kreidestriche auf des Wirtes schwarzer Tafel nicht gebührendermaßen löschten.

Es ging also toll und lustig zu und gab so vergnügte Gesichter, als ob, wie ein alter, fideler Bauer meinte, das ganze Leben für die Leutchen ein Tanz sei, zu welchem die lieben Engel im Himmel aufspielten. Was den Alten übrigens zu diesem Vergleich veranlassen mochte, das kann ich dem Leser so eigentlich nicht sagen. Die Musik war es nun einmal gewiß nicht, denn die tat ihr möglichstes zu beweisen, daß sie erdgeboren sei; besonders die Trompete entfaltete eine Energie, als gälte es, die geweissagten Posaunen am Jüngsten Tag zu unterstützen. Das schien indes den lustbeseelten Ringelshäusern nicht im entferntesten unangenehm zu sein, denn je wichtiger sich die Trompete machte, desto lauter klang ihr Jauchzen und Johlen.

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Nun also, Mamsell Dore saß auf dem Ehrenplatze. Ihr gelbes Antlitz umschloß eine moderne Haube mit fliegenden, weißen Atlasbändern und zwei mächtigen Rosenbuketts an jeder Seite. Ein gestickter Kragen über dem himmelblauen Wolkenkleide und weiße Unterärmel vervollständigten eine Toilette, die wahre Sensation in Ringelshausen machte. Diese Anerkennung, die sich nicht allein in schmeichelhaftem Geflüster, sondern auch, wie es einfachen Naturkindern eigen ist, im naiven Hinzeigen mit dem Finger kundgab, schien die schlanke Gestalt der Bewunderten um einige Zoll zu strecken. Niemals hatte sie ihr hervorstehendes Kinn mit mehr Würde in die Lüfte gehoben, nie holdseliger und herablassender gelächelt wie heute.

Neben ihr saß eine alte Frau in stattlicher Bauerntracht - ein liebes treuherziges Gesicht, das unter der kolossalen, überladenen Bauernmütze hervorsah wie ein milder Stern unter einem dräuenden Wolkengebirge. Vielleicht klingt es seltsam, wenn ich meinen Vergleich für ein Matronengesicht vom Firmament herabhole. Freilich haben die Dichter aller Zeiten und Zonen in nicht mehr zu zählenden Beispielen den schönen Mädchenaugen einzig das Recht eingeräumt, Sterne zu heißen; gleichwohl, sind die Sterne nicht auch alt? Und gibt es nicht auch eine Klarheit der Seele, die gleich den Sternen ewig jung nach außen leuchtet, gleichviel, ob sie alte oder junge, schöne oder häßliche Züge bestrahlt?

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Es mußte eine furchtbare Beleidigung in diesen, von spöttischen Gebärden begleiteten Worten liegen, denn das junge Mädchen zuckte im tödlichen Schrecken zusammen; sie erbleichte bis in die Lippen und richtete einen wehklagenden Blick auf ihre Mutter. Diese jedoch sagte scheinbar gelassen: »Du kannst mein Kind nicht beleidigen, Bastel; denn du selbst bist zu verächtlich... An die Schande, die du Marie aufbürden willst, glaubst du so wenig als das ganze Dorf - denn ihr unbescholtenes Leben liegt ja klar vor aller Augen.«

»Bis auf ein Jahr, das sie in der Stadt zugebracht hat«, unterbrach sie hier eine rauhe Stimme. Der Wirt, welcher gesprochen hatte, ließ seinen Worten ein kurzes, rohes Gelächter folgen.

Hatte die alte Frau bis dahin standhaft ihre Fassung behauptet, so war es jetzt um dieselbe geschehen. Mit funkelnden Augen trat sie vor ihre Tochter, hob die Rechte drohend gegen den Wirt und rief mit unheimlich klingender Stimme: »Tannenwirt, Ihr seid mein Feind seit langen Jahren! Was mir auch Böses von den Menschen widerfahren ist, Ihr hattet stets die Hand dabei im Spiele... Ich habe Euch nicht geflucht um Eurer unglücklichen Frau willen, und weil Ihr mich, mich allein verfolgtet. Aber hütet Euch, mein Muttergefühl zu kränken!... Ich sage Euch nochmals, hütet Euch, auch nur einen Schatten von Verdacht auf mein schuldloses Kind zu werfen, oder Ihr sollt mich kennenlernen!«

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Die Tanzmusik begann von neuem. Die alten Bauern stopften ihre Pfeifen, und die jungen Burschen führten ihre kreischenden Mädchen zum Reigen. In kurzem wirbelte eine mächtige Staubwolke über der Stelle, wo eben noch zwei Herzen in bitterer Pein geschlagen hatten. - Daran schien niemand mehr zu denken; das wäre auch zu viel verlangt gewesen; denn - Hochzeit ist nicht alle Tage.

Nur ein junger Mann, vorher der eifrigste Tänzer, trat aus dem Gedränge zurück und lehnte sich an den Stamm einer Linde. Er war eine schlanke, hochaufgeschossene Gestalt, aber von den kräftigsten Formen. Das volle, schwarze Haar legte sich in glänzenden Wellen nach dem Hinterkopf zurück und ließ ein auffallend hübsches, wenn auch von Luft und Sonne fast asiatisch gebräuntes Gesicht frei. Seine edle, ungezwungene Haltung zeichnete ihn weit aus vor den anderen Burschen; und wenn diese in ihren langen Röcken, kurzen Westen und den fast zum Ersticken fest geschnürten, buntseidenen Halstüchern mitunter höchst drollig aussahen, so mußten der zierliche Anzug und besonders das lose um den weißen Hemdkragen geschlungene schwarzseidene Halstuch an dem jungen Mann vorteilhaft auffallen. Derselbe hieß Joseph, war der Stiefbruder des Bräutigams und der einzige Sohn der Frau Sanner - ihr Abgott und Erbe all ihrer Besitztümer.

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Der Sommer war verflogen. Die Sonne hüllte ihr bleiches Gesicht verdrossen in graue Nebelschleier, als wolle sie die fruchtberaubten Bäume und Felder nicht sehen, auf die sie erst so emsig das Gold der Reife gestreut; oder als fürchte sie die Schauer des Herbstwindes, der, die müden Zweige unbarmherzig schüttelnd, einen goldgelben Blätterregen über Weg und Steg warf und die langen Silberfäden des Altweibersommers mutwillig vor sich her trieb, obgleich sie sich an gelben Grashalmen und dürren Blumenkronen anzuklammern suchten.