Vor der grünen Tanne ging es toll und lustig zu. Damit ist jedoch nicht etwa jene schlanke, steife Tochter des Nordens gemeint, die im Sommer ihr dunkelgrünes, rauhhaariges Haupt im Sonnenlicht badet und zur Winterzeit, feenhaft geschmückt, eine einzige Gastrolle in der Kinderstube gibt - ein reizendes Debüt, das selbst in der Erinnerung uralter Leute einen geheiligten Platz behauptet.
Diese Tanne also war es nicht, wohl aber die stattliche Schenke in dem thüringischen Dorfe Ringelshausen, in deren Schild ein derber Tannenbaum prangte, der bereitwillig wandernde Handwerksburschen, vornehme Städter und müde Kärrner unter seinem Schatten beherbergte und der nur denen seine spitzen Nadeln zeigte, welche die kabbalistischen Kreidestriche auf des Wirtes schwarzer Tafel nicht gebührendermaßen löschten.
Es ging also toll und lustig zu und gab so vergnügte Gesichter, als ob, wie ein alter, fideler Bauer meinte, das ganze Leben für die Leutchen ein Tanz sei, zu welchem die lieben Engel im Himmel aufspielten. Was den Alten übrigens zu diesem Vergleich veranlassen mochte, das kann ich dem Leser so eigentlich nicht sagen. Die Musik war es nun einmal gewiß nicht, denn die tat ihr möglichstes zu beweisen, daß sie erdgeboren sei; besonders die Trompete entfaltete eine Energie, als gälte es, die geweissagten Posaunen am Jüngsten Tag zu unterstützen. Das schien indes den lustbeseelten Ringelshäusern nicht im entferntesten unangenehm zu sein, denn je wichtiger sich die Trompete machte, desto lauter klang ihr Jauchzen und Johlen.
Es war Hochzeit - Grund genug, zehnfach lustig zu sein, da ein solches Freudenfest auf dem Lande für ein oder mehrere Jahre Salz und Würze bei allen übrigen Zusammenkünften geben muß. Es war aber auch ein prächtiger Tag, so golden klar, wie man ihn nur wünschen kann, wenn man im sorgsam geschonten, allerbesten Staate auf grünem Rasen und unter dem luftigen Dach der Lindenbäume den Hochzeitsreigen aufführen will. Eigentlich soll es der Braut in den Kranz regnen - das bedeutet das Wachstum der irdischen Güter; allein, es zeigte sich kein Wölkchen am Himmel, und die Versammelten verziehen es dem Himmel auch gar gern; denn im Grund genommen waren die segnenden Wassertropfen diesmal ziemlich überflüssig, weil ja ohnehin »Geldsack und Ackergrund« Hochzeit machten - des reichen Schulzen Tochter heiratete einen reichen Bauerngutsbesitzer aus der Umgegend.