Die Festlegung dieses Begriffes ist nunmehr einfacher, da es ebenfalls die Diskussion
von Grenzwerten betrifft. Die formale Definition lautet
In Worten bedeutet dies, dass eine Funktion
an der Stelle
differenzierbar ist, wenn ein eindeutiger Differentialquotient gebildet
werden kann. In ganz anschaulicher Weise könnte man auch sagen: Wenn man
an der Stelle
eine eindeutige Tangente an die Kurve, die die Funktion
darstellt, zeichnen kann.
Eine Funktion kann stetig sein, muss aber nicht notwendigerweise
differenzierbar sein. Zur Erläuterung dieser Aussage genügt
ein Beispiel. Die oben definierte Funktion
ist an der Stelle
stetig. Die Ableitungen für die
beiden Funktionsäste sind
In dem Punkt
ist (wie man auch ohne Rechnung der graphischen
Darstellung (Abb. 1.11) entnimmt) die Ableitung nicht eindeutig.
Abbildung 1.11:
Eine stetige, an der Stelle
nicht differenzierbare Funktion
 |
Die Umkehrung der obigen Aussage lautet jedoch: Ist eine Funktion an einer Stelle
differenzierbar, so ist sie an dieser Stelle auch stetig. Der Grund ist:
Bei der Bildung des Grenzwertes des Differenzenquotienten setzt man
voraus, dass
ist, d.h. dass Grenzwert und Funktionswert übereinstimmen. Wäre dies
nicht der Fall, so wäre der Differentialquotient nicht definiert.
Eine mögliche Klassifikation von Funktionen kann man demnach folgendermaßen
zum Ausdruck bringen: Die stetigen Funktionen sind eine Untermenge aller
möglichen Funktionen. Differenzierbare Funktionen sind eine Untermenge
der stetigen Funktionen.
Der Bezug zu den kinematischen Fragestellungen, die in Buch.Kap. 2
diskutiert werden, ist offensichtlich: Funktionen, die die Position
und die Geschwindigkeit
eines Massenpunktes beschreiben sollen,
müssen differenzierbar sein. Man wäre sonst nicht in der Lage, eine
Beschleunigung zu definieren. Funktionen, die die Beschleunigung
darstellen, müssen wenigstens stetig sein.
Sollten trotz dieser Aussage unstetige Funktionen zur Charakterisierung
der Beschleunigung herangezogen werden, ist dies immer eine Idealisierung.
Wenn man zum Beispiel einen Massenpunkt für eine bestimmte Zeit einer
konstanten Beschleunigung aussetzt, nach dem Zeitpunkt
die Beschleunigung
in irgendeiner Form recht plötzlich abschaltet, so würde der Abschaltprozess,
unabhängig von Details (wie in Abb. 1.12a angedeutet), durch
eine stetige Funktion beschrieben.
Abbildung 1.12:
Abschaltprozesse
 |
In vielen
Fällen ist es jedoch (rechentechnisch) einfacher und keine schlechte
Näherung an die Realität, einen schnellen Abschaltprozess durch eine
Sprungfunktion zu beschreiben (Abb. 1.12b).
< Mechanik Mathematische Ergänzungen > R. Dreizler C. Lüdde 2003