In dem zweiten Kapitel des Physiktextes (Buch.Kap. 2) wurden drei relativ einfache
Differentialgleichungen betrachtet5
Die funktionale Form der Beschleunigung
ist jeweils vorgegeben,
einmal als Funktion der Zeit, dann als Funktion des Ortes und der
Geschwindigkeit. Gesucht werden in allen Fällen die Funktionen
und
. Da in den drei Bestimmungsgleichungen die Ableitungen der
gesuchten Funktionen auftreten, liegen Differentialgleichungen vor.
Falls die gesuchte Lösung nur von einer unabhängigen Variablen
(hier im Anklang an die Mechanik die Variable
)
abhängt, spricht man von gewöhnlichen Differentialgleichungen.
Der erste Begriff, der zu erläutern ist, ist der Begriff der Ordnung
einer Differentialgleichung:
Somit sind die oben angedeuteten Differentialgleichungen von erster Ordnung für die
Funktion
(linke Spalte) beziehungsweise von zweiter Ordnung für die Funktion
. (Verabredet man, dass in einer Differentialgleichung nur die gesuchte Funktion
und deren Ableitungen sowie die unabhängige Variable auftreten sollen, so
ist
keine echte Differentialgleichung für
.)
Die drei einfacheren Fälle sind Spezialfälle der allgemeineren Differentialgleichung
zweiter Ordnung für die Funktion
Bezieht man sich auf die Mechanik, so kann die Beschleunigung als Funktion der Zeit,
des Ortes und der Geschwindigkeit vorgegeben werden. Explizite Beipiele für die
Lösung von allgemeineren Typen von Differentialgleichungen zweiter Ordnung werden
erst in Math.Kap. 6.3 vorgestellt.
Die generelle Aussage
kann man direkt illustrieren. Ein vollständiger Beweis wäre langwieriger.
Die Aussage `allgemeine Lösung` beinhaltet, dass keine weiteren Bedingungen
an die Lösung gestellt werden. Der Begriff Integrationskonstante
wird sofort klar werden.
Die Illustration besteht darin, dass man von möglichen Lösungen
einer Differentialgleichung, die
Konstante enthalten, ausgeht und
zeigt, dass die Funktionen in jedem Fall auf eine Differentialgleichung von erster, zweiter,
dritter, Ordnung führen. Die Behauptung ergibt sich durch
Umkehrung dieser Überlegungen. Die erste Vorgabe lautet
wobei
die unabhängige Variable und
ein Parameter ist. Für
jeden Wert von
soll eine eindeutige Kurve in einem
-
Diagramm vorliegen. Variiert man den Parameter
, so erhält man eine
Kurvenschar. Beispiele sind:
Abbildung 2.1:
Einparametrige Kurvenscharen
 |
Aus den Gleichungen
kann der Parameter
eliminiert werden:
- Für das erste Beispiel ergibt dies
- für das zweite Beispiel entsprechend
In beiden Fällen erhält man eine Differentialgleichung erster Ordnung für die
Funktion
. Das allgemeinere Argument lautet: Löse eine der zwei
Gleichungen nach
auf
und setze die Auflösung in die jeweils andere Gleichung ein. Das
Resultat ist z.B. eine Aussage der Form
oder
allgemeiner
. Dies bezeichnet man als eine implizite
Differentialgleichung erster Ordnung.
Aus diesen Überlegungen kann man den Schluss ziehen: Jede
einparametrige Kurvenschar wird durch eine Differentialgleichung erster Ordnung
charakterisiert. In Umkehrung dieser Aussage kann man auch feststellen:
Die allgemeine Lösung einer Differentialgleichung erster Ordnung ist eine einparametrige
Kurvenschar. Den Parameter nennt man dann die Integrationskonstante.
Einige Beispiele zur weiteren Übung sind:
| Kurvenschar |
Gleichung |
Differentialgleichung |
| |
|
|
| Geradenschar |
 |
 |
| Parabelschar |
 |
 |
| Parabelschar |
 |
 |
| Kreisschar |
 |
 |
Die Geraden der Schar verlaufen durch den Koordinatenursprung, die Parabeln der ersten Schar
sind parallelverschoben, die der zweiten Schar gehen ebenfalls durch den Koordinatenursprung
und unterscheiden sich durch Öffnung und Orientierung (nach oben bzw. nach unten). Die
Mittelpunkte der Kreise liegen auf der
-Achse und die Kreise berühren sich alle im
Koordinatenursprung. Das erste und das dritte Beispiel zeigen, dass eine
`geringfügige` Änderung der Differentialgleichung zu einer
deutlichen Veränderung des Charakters der Kurvenschar führen kann.
Eine zweiparametrige Kurvenschar wird durch eine Gleichung der Form
mit den Parametern
und
beschrieben. Ein Beispiel ist die Funktion
. Betrachtet man den Fall
und variiert
, so erhält
man ein Büschel von kubischen Parabeln durch den Ursprung des
-
Diagrammes (Abb. 2.2). Variiert man nun den Parameter
, so findet man
derartige Büschel durch jeden Punkt der
-Achse.
Abbildung 2.2:
Die zweiparametrige Kurvenschar
 |
Zur Elimination der zwei Parameter benötigt man nun drei Gleichungen.
Diese sind
Die entsprechenden Aussagen für das Beispiel sind
Zur Elimination kann man z.B. die Verhältnisse
bilden und erhält nach einfacher Sortierung die (nicht unbedingt
einfache) Differentialgleichung zweiter Ordnung
Die entsprechende allgemeine Diskussion liefert die Aussage: Durch
Elimination der beiden Parameter, ausgehend von einer Gleichung der Form
, gewinnt man ein implizite Differentialgleichung zweiter Ordnung
. Auch hier folgen noch drei Beispiele
zur Übung:
| Kurvenschar |
Gleichung |
Differentialgleichung |
| |
|
|
| Geradenschar |
 |
 |
| Parabel/Geradenschar |
 |
 |
| Ellipsenschar |
 |
 |
Die Argumentation kann fortgesetzt werden. Am Ende steht die
Aussage: Eine
-parametrige Kurvenschar wird durch eine Differentialgleichung
-ter
Ordnung charakterisiert, oder in Umkehrung:
Die allgemeine Lösung einer Differentialgleichung
-ter Ordnung enthält
(Integrations-)konstanten.
Die Kenntnis der allgemeinen Lösung einer Differentialgleichung (geometrisch gesprochen der
gesamten Kurvenschar) ist zwar nützlich, in vielen Fällen interessiert
jedoch nur eine partikuläre Lösung (eine der Kurven aus der Schar). Zur
Auswahl einer Partikulärlösung hat man im Fall einer Differentialgleichung
zweiter Ordnung zwei Möglichkeiten.
Es ist jedoch anzumerken, dass nicht jede Vorgabe zur Festlegung einer
Partikulärlösung führt. Betrachtet man, der Einfachheit wegen, die
Differentialgleichung erster Ordnung
mit der Forderung
, so stellt man fest, dass alle Lösungen diese Forderung
erfüllen. Keine der Lösungen für die durch die Differentialgleichung
charakterisierte Kreisschar
kann der Bedingung
genügen.
Abbildung 2.3:
Bestimmung von Partikulärlösungen
 |
In der theoretischen Mechanik stellen Bewegungsprobleme Anfangswertprobleme dar:
Position und Geschwindigkeit sind zu einem
bestimmten Zeitpunkt (der Anfangszeit) vorgegeben. Randwertprobleme
treten in der Mechanik z.B. auf, wenn man die Schwingungen (die `
Eigenschwingungen` ) einer eingespannten Saite diskutiert. Da die
Variablen in diesem Fall Auslenkung als Funktion von Zeit und Position
entlang der Saite (also zwei unabhängige Variable) sind, steht eine
partielle Differentialgleichung zur Diskussion, die erst im Zusammenhang mit
dem Thema Elektrodynamik (Band 2) eingehender diskutiert wird.
Bevor man, im nächsten Abschnitt, die Frage nach Lösungsmethoden für
Differentialgleichungen aufgreift, müsste man der Frage nachgehen: Welchen Anforderungen muss
eine Differentialgleichung genügen, damit sicher gestellt werden kann, dass eine Lösung
existiert und dass diese Lösung eindeutig ist? Konkret, für die explizite
Differentialgleichung zweiter Ordnung
würde man fragen, welchen
Anforderungen muss die Funktion
genügen, damit Existenz
und Eindeutigkeit der Lösung garantiert werden kann? Zur Beantwortung
dieser Fragen wird auf die einschlägige mathematische Literatur
verwiesen. Zu betonen ist jedoch, dass die Frage nach Bedingungen für
die Existenz und Eindeutigkeit von Lösungen keine müßige Übung
ist. Bevor man sich um die explizite Lösung einer etwas schwierigeren
Differentialgleichung bemüht, ist es beruhigend zu wissen, dass die
Lösung existiert.
< Mechanik Mathematische Ergänzungen > R. Dreizler C. Lüdde 2003