Im Allgemeinen bedürfen die Rechenregeln bei der partiellen
Differentiation keiner besonderen Diskussion. Die Regeln der
gewöhnlichen Differentiation können direkt übertragen werden. So gilt
zum Beispiel die Produktregel
Zum Beweis greift man auf die Definition der partiellen Ableitung zurück
und wiederholt die Argumentation für die Herleitung der Produktregel bei
der gewöhnlichen Differentiation.
Eine Ausnahme, die der Diskussion bedarf, ist die Kettenregel.
Infolge der erhöhten Anzahl von Variablen kann die Kettenregel im Fall von
Funktionen mit mehreren Veränderlichen einigermaßen komplizierte Formen
annehmen. Auf der anderen Seite bietet die größere Auswahl eine Vielfalt
von Anwendungsmöglichkeiten.
Ein Beispiel soll die Thematik einführen.
Hat man neben einer Funktion
die zusätzliche Aussage
,
und setzt man die Funktionen zusammen, so ergibt sich
eine Funktion der Variablen
Interpretiert man (
,
) als die Parameterdarstellung einer Kurve
in der
-
Ebene, so stellt die Funktion
den über dieser Kurve
liegenden `Ausschnitt` aus der Fläche
dar (Abb. 4.14).
Abbildung 4.14:
Illustration der Kettenregel
 |
Möchte man die gewöhnliche Ableitung
(die Tangente an die Raumkurve) durch die partiellen
Ableitungen von
und die gewöhnlichen Ableitungen von
und
ausdrücken, so benötigt man die Kettenregel. Deren Herleitung sieht
für den vorliegenden Fall folgendermaßen aus:
ist in linearer Näherung
Es gilt außerdem für die Verschiebung entlang der Kurve
Zusammensetzung ergibt im Grenzfall
Dieses Resultat kann zum Beispiel dazu benutzt werden, um die Ableitung
von Fuktionen wie
oder allgemeiner
zu bestimmen. Diese Aufgabe ist mit normalen
Methoden gar nicht so einfach zu lösen.
Mit der Kettenregel folgt jedoch
für das konkrete Beispiel also
Weitere Varianten, die zu anderen Formen der Kettenregel führen, sind
z.B.
Die allgemeine Aufgabenstellung lautet:
Gegeben ist
sowie für jede Variable
. Berechne die Ableitungen der
zusammengesetzten Funktion
.
Die Herleitung der entsprechenden Formeln basiert19, wie in dem einführenden Beispiel, auf der
Zusammensetzung von totalen Differentialen.
Die Ergebnisse bis zur zweiten Ableitung, vorausgesetzt alle auftretenden
Ableitungen existieren und sind stetig, lauten
Man muss noch die Verabredung treffen, dass das partielle
Differentiationssymbol durch das gewöhnliche zu ersetzen ist, falls nur
eine
- oder nur eine
-Variable auftritt.
Von den vielfältigen Anwendungsmöglichkeiten der Kettenregel soll
nur ein Beispiel vorgestellt werden, das in der Physik besonders wichtig ist:
Die Umrechnung des Laplaceoperators und des Gradientenoperators in
krummlinige Koordinaten.
Schon in der zweidimensionalen Welt erfordert diese Übung einige
Schreibarbeit, deswegen werden die expliziten Ausführungen auf
diesen Fall beschränkt bleiben. Für eine Funktion von zwei Variablen
sind die folgenden Größen von Interesse
Nimmt man an, dass
eine zusammengesetzte Funktion ist, z.B.
mit den Funktionen
so kann man die vier Ableitungen
nach der Kettenregel
berechnen. Man erhält für die ersten Ableitungen
Zu notieren sind die Ableitungen von
und
Damit ergibt sich (nach einfacher Sortierung)
Die Darstellung des Gradientenoperators in ebenen Polarkoordinaten kann
daraus extrahiert werden
Die Rechnung für den Laplaceoperator ist ein wenig länglicher. Der
Ausgangspunkt ist die Kettenregel
Setzt man hier alle benötigten Ableitungen von
und
ein
so erhält man
Daraus entnimmt man die Form des Laplace Operators in ebenen
Polarkoordinaten
Die Gewinnung entsprechender Formeln für die Umrechnung der zwei
Differentialoperatoren von
dreidimensionalen kartesischen Koordinaten in Zylinderkoordinaten
enthält keine wesentlich neuen Elemente. Die entsprechenden Rechnungen für
dreidimensionale kartesischen Koordinaten in Kugelkoordinaten (oder andere
krummlinige Koordinaten) sind unter Umständen einigermaßen aufwendig.
Diese Formeln werden jedoch in der Physik oft benötigt. Für Kugelkoordinaten
ist der Gradientenoperator
der Laplaceoperator
Jeder theoretische Physiker sollte, nach dem angedeuteten Muster, wenigstens
die entsprechenden Rechnungen für Kugelkoordinaten durchgeführt haben20.
Eine abschließende Bemerkung ist vielleicht noch nützlich, um einem häufigen
Missverständnis vorzubeugen. Für die Funktion
wird bei Bildung der partiellen Ableitung nach
nur nach der explizit auftretenden Variablen
differenziert. Die totale Ableitung
von
nach
ist hingegen
In diesem Fall greift die Kettenregel.
< Mechanik Mathematische Ergänzungen > R. Dreizler C. Lüdde 2003