Detail 4.3
Zur Greens Funktion des stationären Potentialproblems
Obschon diese Problemstellung in Kap. 4.3 diskutiert wird, scheint es
angemessen, einige Ergänzungen und eine detailliertere Diskussion
des Dirichletproblems mit Kugelsymmetrie zu betrachten.
1 Potentialprobleme und Greensche Funktionen
Das Potentialproblem der Elektrostatik kann in der Poissongleichung,
einer linearen, inhomogenen partiellen Differentialgleichung,
zusammengefasst werden. Die Lösung dieser Differentialgleichung kann
man in der Form
darstellen. Die Funktion
ist die allgemeine Lösung der
Laplacegleichung
Die Greensche Funktion
wird durch die
Differentialgleichung
 |
(1) |
sowie, je nach Vorgabe, die folgenden Randbedingungen bestimmt:
- Im Fall von einfachen Randbedingungen, für die sich das Potential wie
verhält, muss sich die Greens Funktion wie
verhalten.
- Bei Dirichlet-Randbedingungen ist das Potential auf den Randflächen
eines beliebigen Gebietes
vorgegeben
In diesem Fall muss man die Randbedingung (Kap. 4.3, (4.27))
fordern.
- Ist hingegen die Normalenableitung des Potentials
auf den Randflächen eines Gebietes
vorgegeben, so liegen
Neumann-Randbedingungen vor. Hier ist die einfachst mögliche Wahl
der Randbedingung
wobei die Konstante durch die Randfläche des Gebietes
bestimmt ist.
Die Greens Funktion ist über einem sechsdimensionalen Bereich definiert. Zur
Veranschaulichung der Situation benutzt man zweckmäßigerweise das zweidimensionale
Äquivalent
mit der Differentialgleichung
Abbildung 4.1:
Grundbereich der Greens Funktion
 |
Die Singularität, die durch die
-Funktion verursacht wird,
trennt den Definitionsbereich
der Funktion von zwei Variablen in zwei Bereiche (Abb. 4.1). Sowohl
in dem Bereich
(Bereich 1) als auch in dem Bereich
(Bereich 2) erfüllt die Greensche Funktion die `Laplacegleichung`.
In jedem dieser Bereiche kann man
aus den (unendlich vielen)
Partikulärlösungen dieser homogenen
Differentialgleichung konstruieren. Die Lösungen
und
in den zwei Gebieten müssen dann entlang der Geraden
auf eine bestimmte Weise (Details folgen) aneinander angeschlossen werden.
Später wird noch die Aussage benötigt, dass die Greens Funktion eine
symmetrische Funktion
ist (Math.Kap. 3.3).
2 Ein kugelsymmetrisches Dirichletproblem
Das folgende Dirichletproblem wurde gestellt:
Zur Lösung dieses Potentialproblems
geht man von einem Lösungsansatz in der Form einer Multipolentwicklung
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(2) |
aus. Zu bestimmen sind die `Entwicklungskoeffizienten`
.
Abbildung 4.2:
Vorgaben bei dem Dirichletproblem
 |
Setzt man diesen Ansatz in die Differentialgleichung (1) für die Greens
Funktion ein, so erhält man im Endeffekt eine Differentialgleichung
für die Radialanteile. Einsetzen führt auf die Aussage
wobei der Winkelanteil des Laplaceoperators
schon auf die Kugelflächenfunktion angewandt wurde
Um die Summen aufzubrechen, multipliziert man die Gleichung (3)
mit
und integriert über
beide Sätze von Winkelkoordinaten. Auf der linken Seite ergibt sich
mit der Orthogonalitätsrelation der Kugelflächenfunktionen ein
Faktor
, auf der rechten Seite erhält
man für die Winkelanteile
Die Differentialgleichung für die Radialanteile ist demnach
Das Randwertproblem, das mit dieser gewöhnlichen Differentialgleichung
angesprochen wird, bezeichnet man als ein Sturmsches Randwertproblem.
Dessen Lösung vollzieht sich nach einem Standardmuster, das die
folgenden Schritte beinhaltet:
Es ist zunächst die Lösung der Differentialgleichung in den Bereichen (1)
mit
und (2) mit
zu bestimmen, in denen eine homogene Differentialgleichung
vorliegt. Diese Differentialgleichung entspricht der Radialgleichung des
Laplaceproblems, mit dem Unterschied, dass eine zusätzliche Variable
auftritt. Die Abhängigkeit der Lösung von dieser Variablen ist durch
die Differentialgleichung nicht bestimmt. Fasst man
als einen
Parameter auf, so kann die Lösung der Radialgleichung sofort angegeben
werden (Kap. 3.2, (3.14))
Da
jedoch kein Parameter ist, muss man die `Integrationskonstanten`
als Funktionen von
ansehen. Man schreibt demnach unter Berücksichtigung
der Tatsache, dass die Lösung in den Bereichen (1) und (2) verschieden
sein wird
Zur Festlegung der Koeffizientenfunktionen benutzt man die noch
verfügbaren Bedingungen
- die Randbedingungen
- die Symmetrie
- den Anschluss der Lösungen an den Stellen mit
Die Randbedingungen sind
Auf der inneren Kugelschale gilt
. Die erste Randbedingung
ist also auf die Funktion
anzuwenden.
Die Bedingung auf der äußeren Kugelschale
betrifft die Funktion
, da
ist.
In dem ersten Fall erhält man eine Relation
zwischen den Koeffizientenfunktionen
und
Aus
folgt
Die zweite Bedingung kann nur erfüllt werden, wenn der Faktor von
,
die Funktion
, verschwindet. Das Zwischenergebnis nach der
Anwendung der Randbedingungen ist somit (benutze ab hier
)
Der Ansatz (2) für die Greensche Funktion
ist symmetrisch in den Winkelvariablen, denn es gilt
(
ist
der von den Raumrichtungen, die durch
und
markiert werden,
eingeschlossene Winkel, Abb. 4.3)
Abbildung 4.3:
Raumwinkelgeometrie
 |
Somit folgt aus der allgemeinen Symmetriebedingung für den Radialanteil
Die Symmetrieforderung an den Radialanteil verknüpft die Funktionen in den
beiden Gebieten und liefert deswegen über
bis auf einen konstanten Faktor
die Abhängigkeit der
verbleibenden Koeffizientenfunktionen von der Variablen
Die resultierenden Funktionen
gehen auf der Trennlinie
stetig ineinander über, es ist
Die Differentialgleichung für die Radialanteile ist von zweiter Ordnung und
an den Stellen mit
singulär. Zum vollständigen Anschluss der Lösungen
benötigt man noch eine Aussage über die ersten Ableitungen
der Funktionen
an diesen Stellen. Diese Aussage gewinnt man aus der
Differentialgleichung (5) für die Funktionen
Mit der Umschreibung
lautet diese
Integriert man über die kritische Stelle zwischen den Grenzen
und
so erhält man
In dem ersten Term (mit
) ist
einzusetzen, in dem zweiten
Term (mit
) ist es
Betrachtet man den Grenzwert für
so trägt das verbliebene Integral wegen der Stetigkeit des
Integranden nicht bei. Das Ergebnis dieser Betrachtung lautet somit
In Worten: Die erste Ableitung der Radialanteile der Greenschen Funktion
multipliziert mit
r
macht an den kritischen Stellen einen Sprung. Setzt man die bisher
gewonnenen Resultate für die Radialanteile in diese Bedingung ein,
so erhält man
oder nach Sortierung
Das Endergebnis kann infolge der Symmetrie entweder durch
oder
durch
ausgedrückt werden. Für
hat man
für
gilt entsprechend
 |
(6) |
Der erste Term in diesen Entwicklungen entspricht der inversen
Abstandsfunktion, so z.B. für
Der zweite Term kann mit der gleichen Entwicklung diskutiert werden
Die Greens Funktion entspricht dem Resultat, das durch direkte Anwendung
der Spiegelladungsmethode gewonnen wurde.
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<Elektrodynamik und Spezielle Relativitätstheorie, Details> R. Dreizler C. Lüdde
2005