Detail 7.9

Die Berechnung der Liénard-Wiechert Felder

Die Lösung der inhomogenen Wellengleichung für eine bewegte Punktladung findet mannigfache Anwendung, z.B. bei der Diskussion der Brems- und der Synchrotonstrahlung sowie bei Streuproblemen. Um die Diskussion in Kap. 7.4.1 nicht mit zu vielen rechnerischen Details zu überfrachten, wird die Herleitung der Grundformeln für die Felder, die den Liénard-Wiechert Potentialen zugeordnet sind, an dieser Stelle abgehandelt.

Die vorliegende Situation kann man folgendermaßen charakterisieren: Eine Punktladung bewegt sich auf einer Bahn Die von der Punktladung erzeugten elektromagnetischen Felder werden an der Stelle registriert (Abb. 7.1).

Abbildung 7.1: Vektoren für die Berechnung der elektromagnetischen Felder einer bewegten Punktladung


Infolge der endlichen Laufzeit der elektromagnetischen Strahlung von dem Punkt zu dem Punkt wird die zu dem Zeitpunkt ausgesandte Strahlung erst zu einem späteren Zeitpunkt registriert.

Zur Berechnung der elektromagnetischen Felder und hat man die Möglichkeiten

(a)
Benutze die Integraldarstellungen (7.85), (7.86) der elektromagnetischen Potentiale
 
      (1)
 

mit dem Differenzvektor (siehe Abb. 7.1)




und bestimme die Felder über die Relationen
 
      (2)
 

(b)
Gehe von den Liénard-Wiechert Potentialen (7.89), (7.90)
 
      (3)
 

aus und berechne die Felder über die Relationen (2) wie in (a). Die Zeiten und sind durch die Relation
(4)

verknüpft, deren Auflösung ergibt.
Selbstverständlich müssen die Resultate übereinstimmen, da jedoch die jeweiligen Rechnungen durchaus Eigenheiten aufweisen, werden hier beide Optionen vorgestellt. In beiden Fällen ist es zweckmäßig, die Abkürzungen
 
(5)
 

zu verwenden, wobei zur Abkürzung der Notation in den Funktionen und zunächst nur das Zeitargument anstelle von benutzt wird. Zu einem späteren Zeitpunkt werden, der Übersichtlichkeit wegen, alle Argumente unterdrückt.


1 Das elektrische Feld über Methode (a)

Die Anwendung der Relation (2) zur Berechnung des elektrischen Feldes verlangt im ersten Schritt die Bildung des Gradienten und der Zeitableitung der Potentiale. Vorausgesetzt wird dabei die Vertauschung von Differentiation und Integration. Der Gradientenoperator wirkt auf den Nenner in dem Integranden der Darstellung des skalaren Potentials und auf die -Funktion. Man findet




wobei die Ableitung der -Funktion nach dem gesamten Argument darstellt


und der Gradient der Abstandsfunktion wegen


dem Vektor entspricht
(6)

Die benötigte Zeitableitung des Vektorpotentials ist




Aus den zwei Ableitungen kann man den Ausdruck für das elektrische Feld




zusammensetzen. Um die anstehenden Integrale auszuwerten, ist die Substitution
(7)

angebracht. Der Ableitung dieser Funktion von (die Koordinaten in der Funktion sind als Parameter zu werten)


entnimmt man die Ableitung der Umkehrfunktion bzw.


Der resultierende Ausdruck für das elektrische Feld


kann direkt integriert werden


Um die Zeit (im Endeffekt) durch die Zeit t darzustellen, muss man die Gleichung nach auflösen.

Zur Berechnung der Ableitung nach der `Variablen` benutzt man die Kettenregel


und erhält




Dieses recht kompakte Ergebnis muss jedoch weiter bearbeitet werden. Da dadurch die Einzelergebnisse einigermaßen länglich werden, wird nun auch die Variable unterdrückt. Man benötigt die Ableitungen In dem Ausdruck für , in dem die Ableitungen aufgefächert sind




setzt man zunächst die Ableitung von ein und erhält
 
    (10)

Der erste Term und ein Teil des dritte Terms in der Klammer können zusammengefasst werden


In dem nächsten Schritt wird die Ableitung (9) von eingesetzt




und sortiert




Wieder können einige der Terme zusammengefasst werden, so in dem ersten und dem zweiten Term je zwei Ausdrücke




Man erhält dann
(11)
     

Der Faktor in dem zweiten Term kann noch als ein doppeltes Vektorprodukt geschrieben werden




In dem Endresultat (11) sind nach der Ersetzung von durch alle auftretenden Größen ( ) Funktionen von und .


2 Das elektrische Feld über Methode (b)

Ausgangspunkt sind in diesem Fall die Relationen (3), die in der Form




abgekürzt werden. Zur Berechnung der elektromagnetischen Felder kann man (2) direkt anwenden. Bei der Berechnung des Gradienten des Skalarpotentials ist zu beachten, dass die retardierte Zeit eine Funktion von und von ist


Diese Abhängigkeit kommmt bei der Berechnung des elektrischen Feldes ausgehend von der Kirchhoffschen Darstellung nicht zum Zug, da eine Variable ist, nach der in diesem Fall differenziert wird, bevor die Ersetzung vorgenommen wird. Infolge der Abhängigkeit der retardierten Zeit von der Position gilt in dem vorliegenden Fall


Die hier benötigten und direkt berechenbaren Ableitungen sind: Die Zusammensetzung dieser Einzelaussagen ergibt den Gradienten des skalaren Potentials




bzw. nach Erweiterung des ersten Termes mit und Sortierung
 
  (16)

Zur Berechnung der Zeitableitung (nach t) des Vektorpotentials mittels der Kettenregel


benötigt man die partielle Ableitung von nach . Das totale Differential (14) ergibt in diesem Fall (setze )


Der zweite Faktor, die partielle Ableitung des Vektorpotentials nach kann mit Hilfe von (13) und der Relation bestimmt werden
 
    (17)

Der angegebene Vorfaktor setzt sich aus den einzelnen Faktoren gemäß


zusammen. Aus den Zwischenresultaten (16) und (17) folgt für das elektrische Feld




das in der Form sortiert wird
 
    (18)

sortiert werden kann. Das Resultat (18) stimmt mit dem vorherigen (11) überein.


3 Berechnung des Magnetfeldes

Die Berechnung des Magnetfeldes wird nur über die Betrachtung der Integraldarstellung ausgeführt. Ausgangspunkt ist die Relation (2)




Der Nablaoperator wirkt nur auf die Funktion . Mit den partiellen Ableitungen ( ist die -Komponente von , vergleiche (6))


erhält man im ersten Schritt




ein Resultat, das wieder mit der Subsitution (7) behandelt wird




Die anstehende Integration wird ausgeführt




und die noch ausstehende Differentiation wird vorbereitet




Man führt zuerst unter Benutzung von (8) die Differentiation von in dem letzten Term aus, benutzt die Auflösung des dreifachen Vektorproduktes


sortiert das Zwischenergebnis




durch Erweiterung des ersten Termes




in der Form
(19)

Ein Vergeich mit dem Zwischenergebnis (10) für das elektrische Feld zeigt, dass das elektrische und das magnetische Liénard-Wiechert Feld durch die Relation
(20)

verknüpft sind.

Um die magnetische Induktion explizit anzugeben, wertet man die verbleibende Ableitung unter Benutzung der schon berechneten Ableitung (12) von aus und erhält




oder, nach weiterer Umschreibung mit ,
 
    (21)


4 Eigenschaften der elektromagnetischen Felder

Einige Eigenschaften der berechneten Felder sind hier aufgeführt

Abbildung 7.2: Die Liénard-Wiechert Felder




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<Elektrodynamik und Spezielle Relativitätstheorie, Details>  R. Dreizler C. Lüdde     2005