5 Laurentreihen und singuläre Stellen
Eine Funktion, die in einem Bereich regulär ist, kann durch eine
Taylorreihe dargestellt werden. Falls in dem Bereich jedoch singuläre
Stellen vorhanden sind, muss man die Betrachtungen erweitern. Die
einfachste Situation liegt vor, wenn eine Funktion
in einem
konzentrischen Kreisring um eine Stelle
regulär ist, über
das Verhalten um die Stelle
jedoch nichts bekannt ist. Der
Kreisring wird (Abb. 2.7) von zwei positiv orientierten
Kurven
und
mit den Radien
gebildet. In dem Ring gilt dann die Laurententwicklung
Abbildung 2.7:
Argumentation zur Aufstellung der Laurentreihe
 |
Verbindet man die zwei Kreise über ein Zwischenstück zu einer Kontur
, so ist
im Innern der Kontur
regulär. Man kann somit für eine Stelle
im Innern
von
schreiben, da das Zwischenstück, das zweimal aber in entgegengesetzter
Richtung durchlaufen wird, nicht beiträgt. In dem ersten Integral
entwickelt man
da
für Punkte
auf dem Kreis
ist. In dem zweiten Integral, mit Punkten
auf dem Kreis
entwickelt man entsprechend
Multiplikation mit
und Integration ergibt dann die Laurentreihe.
Das folgende Beispiel für die Funktion
zeigt in
einfacher Auswertung die Anwendungsmöglichkeiten. Ist man an einer
Entwicklung in dem Kreisring um
mit
interessiert, so
schreibt man mit Hilfe der geometrischen Reihe
Um eine Reihe zu gewinnen, die für
konvergiert, sortiert man
und findet, ebenfalls mit Hilfe der geometrischen Reihe
Man gewinnt zwei verschiedene Entwicklungen in Potenzen von
für
dieselbe Funktion in verschiedenen Ringgebieten. Entwickelt man hingegen
die Funktion
nach Potenzen von
, so findet man die
Laurentreihe
die für
konvergent ist.
Singuläre Stellen können anhand der Laurentreihe, die aus einer
aufsteigenden und einer absteigenden Potenzreihe besteht, klassifiziert
werden. Ist die Funktion an der Stelle
singulär, in der Umgebung
dieser Stelle jedoch regulär, so liegt eine isolierte singuläre
Stelle vor. Man bezeichnet eine isolierte singuläre Stelle
als
einen Pol k-ter Ordnung, falls der Grenzwert
existiert und nicht gleich Null ist.
Die Reihe beginnt dann mit dem Term
Die Funktion
besitzt an der Stelle
einen Pol
zweiter Ordnung, an der Stelle
einen Pol erster Ordnung, der auch
als einfacher Pol bezeichnet wird. Die in Math.Kap. 2.2.3 gewonnene
Entwicklung von
um die Stelle
zeigt, dass diese Stelle ein Pol erster Ordnung ist. Läuft
die Summe in der Laurentreihe von
bis
, so liegt
an der Stelle
eine wesentliche Singularität vor. Ein
Beispiel ist die Entwicklung von
um die Stelle
Ein anderer Typ von Singularität, der im Zusammenhang mit mehrdeutigen
Funktionen auftritt, ist der Verzweigungsschnitt, der anhand von
diskutiert werden soll. Man betrachtet die Stellen
und
, die (für
) kurz ober- und unterhalb (siehe Abb. 2.8) der negativen reellen Achse
liegen. Im Grenzfall
fallen die Punkte zusammen
für die Funktionswerte gilt jedoch
Wenn man sich der negativen reellen Achse von oben bzw. von unten
nähert, erhält man verschiedene Funktionswerte. Es sieht so aus, als
ob die Funktion auf dieser Achse nicht stetig ist. Sie wäre dann auch
nicht differenzierbar bzw. nicht analytisch. Dies ist jedoch nicht der
Fall. Die Funktion
ist für alle Werte von
, außer
für
, analytisch.
Abbildung 2.8:
Definitionsbereich der Funktion
aus der Sicht der negativen
reellen Achse (rot)
 |
Zur Erläuterung der Situation muss man den Definitionsbereich von
genauer betrachten. Der Definitionsbereich kann als eine unendlichblättrige
Riemannsche Fläche angesehen werden. Benachbarte, übereinanderliegende
Blätter sind entlang der negativen reellen Achse zusammengeheftet
(Abb. 2.8). Man bezeichnet die negative reelle Achse (
) als
Verzweigungsschnitt der Funktion
, die Stelle
ist, wie schon
benannt, ein Verzweigungspunkt. Definiert man als das Hauptblatt, das
Blatt auf dem die Argumente der Hauptwerte angesiedelt sind,
also
-Werte mit
, so erkennt man, dass
der oben gewählte Punkt
auf dem Hauptblatt liegt und im Grenzfall
auf diesem bleibt. Der Punkt
, der zunächst auch auf dem Hauptblatt
lag, verlässt dieses in dem Grenzfall und wechselt auf ein anderes
Blatt, nämlich das Blatt, auf dem die
-Werte mit
zu finden sind. Die oben gefundene `
Singularität` ist also keine wirkliche, sie entsteht nur durch eine
inkorrekte Zuordnung der Grenzwerte der Argumente zu den Blättern des
Definitionsbereiches der Funktion
. Die einzige singuläre Stelle
von
ist der Verzweigungspunkt bei
. Trotzdem ist in Anwendungen
- entsprechende Verzweigungsschnitte treten bei allen mehrdeutigen
Funktionen auf - Vorsicht beim Umgang mit Verzweigungsschnitten geboten.
< Elektrodynamik Mathematische Ergänzungen > R. Dreizler C. Lüdde 2005