6 Der Residuensatz

Der Koeffizient der ersten negativen Potenz der Laurentreihe wird als das Residuum der Funktion in bezeichnet. Gemäß der Laurentreihe gilt für eine geschlossene, positiv orientierte Kurve , die ganz in einem Regularitätsgebiet um verläuft,


Liegen in dem Innengebiet von endlich viele singuläre Stellen, so kann man diese Definition auf den Residuensatz erweitern. Man legt um die singulären Stellen hinreichend kleine, positiv orientierte Kreise und erhält anhand der in Abb. 2.9 angedeuteten Zerlegung der umfassenden Kontur


Diese Zerlegung wird meist in der Form


zitiert.
Abbildung 2.9: Integralsatz: Zum Residuensatz
Der Residuensatz findet in vielen Bereichen Anwendung. Einige Beispiele sind:
  1. Zu berechnen ist das Integral entlang der reellen Achse


    Elementare Auswertung (als uneigentliches Integral mittels der Arcustangensfunktion) ergibt den Wert . Das Integral eignet sich aber auch, die Auswertung mit Hilfe des Residuensatzes zu illustrieren und das allgemeine Muster zur Berechnung solcher Integrale aufzuzeigen. Man wählt (siehe Abb. 2.10) als Integrationsweg einen Weg von entlang der reellen Achse zu dem Punkt und von dort längs eines Halbkreises mit dem Radius zurück zu dem Punkt . Die Zerlegung des Integranden


    zeigt, dass der Weg (für ) den Pol bei einschließt, dessen Residuum mit abgelesen werden kann. Nach dem Residuensatz ist


    Auf der anderen Seite gilt


    Für den Beitrag des Halbkreises findet man die Abschätzung


    wobei der maximale Betrag des Integranden entlang des Weges und die Länge des Weges ist. Für das Beispiel ist


    Abbildung 2.10: Beispiel zur Anwendung des Residuensatzes
    Der Beitrag des Halbkreises verschwindet für , es verbleibt in diesem Grenzfall das Integral über die reelle Achse.
  2. Im Fall des Integrals


    ist die elementare Auswertung nicht einfach. Zur Anwendung des Residuensatzes würde man mit dem Integral


    beginnen, wobei der gleiche Integrationsweg wie im vorherigen Beispiel ist. Ist , so ist die Polstelle bei in die Kontur eingeschlossen und man erhält


    Die Abschätzung des Beitrages des Halbkreises ist


    Der Beitrag verschwindet für , so dass in diesem Fall das Ergebnis lautet


    bzw. wenn man den Realteil auf beiden Seiten nimmt (das Integral mit verschwindet infolge der Symmetrie)


In beiden Beispielen erweist sich die Abschätzung der Ergänzung der Kontur zu einem geschlossenen Weg als der wesentliche Punkt. Hat der Integrand die Form mit reellem und einer Funktion , die mit gegen Null geht, so gilt allgemein


wobei die Ergänzung je nach Vorzeichen des Argumentes der Exponentialfunktion ein Halbkreis in der oberen () oder unteren () Halbebene ist.

In vielen Beispielen zur Auswertung von uneigentlichen Integralen entlang der reellen Achse ist die Ergänzung durch Halbkreise nützlich, doch sind andere Ergänzungen zu geschlossenen Konturen, z.B. durch die drei fehlenden Seiten eines Rechtecks, durchaus möglich.

3.
Das letzte Beispiel illustriert eine Situation mit einem Verzweigungspunkt bzw. Verzweigungsschnitt. Um das Integral


zu berechnen, beginnt man mit dem komplexen Integral


Der Integrand hat einen singulären Verzweigungspunkt bei und einen einfachen Pol bei . Wählt man als Wertebereich der Darstellung von


den Bereich , so ist die positive reelle Achse ein Verzweigungsschnitt. Es ist deshalb nicht möglich, die Integrationskontur entlang der reellen Achse zu nehmen.
Abbildung 2.11: Beispiel zur Integration um einen Verzweigungsschnitt
Eine Möglichkeit ist die in Abb. 2.11 gezeigte Kontur , die aus zwei Geraden parallel zu dem Verzweigungsschnitt ( und ), einem Teilkreis mit Radius und einem Teilkreis mit Radius um die Stelle besteht. Es ist dann


Auf der anderen Seite ist


Es ist nun zu untersuchen, was in dem Grenzfall


passiert. Die Gerade liegt dann auf dem nächsten Blatt der Riemannschen Fläche. Unter Beachtung der Richtung der Integration findet man


Die Gerade bleibt auf dem Hauptblatt


Die beiden Teilkreise werden zu Kreisen mit




Es verbleibt also


bzw. nach Sortierung



< Elektrodynamik     Mathematische Ergänzungen >       R. Dreizler   C. Lüdde     2005