2 Lösung durch Reihenentwicklung

Lineare Differentialgleichungen zweiter Ordnung, die nur reguläre singuläre Punkte besitzen, zählen zu der Fuchsschen Klasse von Differentialgleichungen. Eine klassische Methode zur Bestimmung der Lösung solcher Differentialgleichungen ist die Reihenentwicklung. Man muss dabei unterscheiden, ob die Entwicklung um einen regulären oder einen singulären Punkt gesucht wird.


Für die Entwicklung um einen regulären Punkt ist der Standardpotenzreihenansatz


ausreichend. Man geht mit dem Ansatz in die Differentialgleichung ein und vergleicht Koeffizienten mit der gleichen Potenz von . Zur Erläuterung der Methode folgen zwei Beispiele.

In den zwei Beispielen erhält man mit dem Potenzreihenansatz zwei linear unabhängige Lösungen und . Dies ist jedoch nicht immer der Fall. Eine Methode zur Bestimmung einer zweiten linear unabhängigen Lösung basiert auf der Auswertung der Wronskideterminante (Band 1 Math.Kap. 2.2.2)


Für die lineare Differentialgleichung (3), die hier zur Diskussion steht, ist


so dass für die Wronskideterminante die Relation


folgt. Integration dieser Relation in dem Intervall ergibt


Sortiert man nun


löst nach der Ableitung auf, setzt die zweite Form der Wronskideterminante ein


und integriert von einem Punkt bis , so findet man, infolge der Tatsache, dass ist, für die zweite linear unabhängige Lösung die Berechnungsvorschrift


Da mit und auch eine Linearkombination dieser Funktionen linear unabhängig ist, kann man den ersten Term unterdrücken, ebenso den Beitrag durch die untere Integrationsgrenze . Letztlich interessiert, für die Lösung einer homogenen Differentialgleichung, der konstante Vorfaktor nicht, so dass man die vereinfachte Relation
(4)

benutzen kann.


Ist der Punkt ein regulärer singulärer Punkt, so kann man wenigstens eine der zwei Lösungen des Fundamentalsystems mit einem Potenzreihenansatz erfassen, man benötigt jedoch eine modfizierte Form


Da im Allgemeinen an der Stelle nicht analytisch ist, kann der zusätzliche Faktor dazu dienen, ein singuläres Verhalten an dieser Stelle aufzufangen. Um die Auswirkungen dieses Ansatzes zu überschauen, schreibt man die Differentialgleichung (3) in der Form


wobei die Funktionen und nun in eine Taylorreihe um entwickelt werden können


Geht man mit der Entwicklung von und den Entwicklungen für die Funktionen und in die Differentialgleichung (3) ein, so findet man die Bedingung




Die niedrigste, auftretende Potenz von ist . Setzt man den Koeffizienten dieser Potenz gleich Null, so erhält man die Index- oder Fundamentalgleichung


bzw.


eine quadratische Gleichung, aus der man bestimmen kann. Setzt man den Koeffizienten von gleich Null, so folgt die Rekursionsrelation




zur Bestimmung der weiteren Koeffizienten (Kenntnis von und vorausgesetzt).

Je nach der Natur der Lösungen der Indexgleichung muss man drei Fälle unterscheiden:

  1. Die beiden Wurzeln sind verschieden und deren Differenz ist keine ganze Zahl. Aus der Rekursion ergeben sich für die zwei Wurzeln und der Indexgleichung zwei linear unabhängige Lösungen


    wobei der Koeffizient jeweils unabhängig von bzw. ist und aus zusätzlichen Bedingungen bestimmt werden muss.
  2. Die beiden Wurzeln sind gleich ( ). In diesem Fall hat man eine Lösung


    Eine zweite linear unabhängige Lösung kann man über die Relation (4), die unabhängig davon ist, ob man um einen regulären oder regulären singulären Punkt entwickelt hat, gewinnen. Varianten, die man anhand der Grundrelation (4) gewinnen kann, sind in der Literatur dokumentiert.
  3. Die Differenz , wobei die größere der beiden Wurzeln ist, ist eine positive ganze Zahl. Linear unabhängige Lösungen sind dann


    und eine Lösung auf der Basis von (4) bzw. Varianten dieser Relation.

Die drei Fälle können anhand der Besselschen Differentialgleichung (siehe Math.Kap. 3.1.4 mit und zur Anpassung an die Standardnomenklatur)


illustriert werden. Der Punkt ist ein regulärer singulärer Punkt. Nur drei Entwicklungskoeffizienten der Funktionen und um diese Stelle sind ungleich Null


Die Fundamentalgleichung und die Rekursionsformel lauten somit in diesem Beispiel




  1. Ist nicht ganzzahlig oder Null, so liefert die Rekursionsformel die Aussagen




    Die erste Gleichung erfordert , die zweite besagt dann, dass alle Koeffizienten mit ungeradem Index ebenfalls gleich Null sind. Die Auflösung der Rekursion für gerade Indexwerte ist




    ein Ergebnis, das in der Form


    zusammengefasst werden kann. Die linear unabhängigen Grundlösungen für () sind somit




  2. Betrachtet man den Fall , so ist offensichtlich zunächst nur eine Lösung gegeben. Die Rekursion ergibt


    und somit


    Um eine zweite gemäß der angegebenen Vorschrift (4) zu gewinnen, muss man das Integral


    berechnen. Setzt man die erste Lösung (mit )


    ein und entwickelt den Nenner in eine Potenzreihe, so verbleibt


    Nach Auswertung der Integrale (und gegebenenfalls Untersuchung der Konvergenz) findet man als zweite linear unabhängige Lösung


  3. Das dritte Beispiel ist die Besselsche Differentalgleichung mit bzw. . Für lautet die Rekursion . Man erhält


    und


    Die Rekursionsformel für


    ist nicht auflösbar. Die zweite Fundamentallösung kann man jedoch wie im Fall gewinnen. Die Zutaten sind (mit )




Die hier auftretenden Besselfunktionen werden in Math.Kap 4.4 näher diskutiert.


< Elektrodynamik     Mathematische Ergänzungen >       R. Dreizler   C. Lüdde     2005