3 Verallgemeinerte Funktionen
Ausgangspunkt der Überlegungen ist der Begriff des Funktionals in der
Form
Jedem Paar von Funktionen wird durch diese Vorschrift eine Zahl
zugeordnet
Die Frage, die im Endeffekt zur Verallgemeinerung des Funktionsbegriffes
führt, lautet: Kann man diese Zuordnung umkehren? Kann man durch Vorgabe
eines Satzes von Funktionen
und Zahlenwerten
mit z.B.
eine Funktion
definieren?
Einen Hinweis auf die Beantwortung dieser Fragen ergibt sich aus der
Theorie der Funktionsreihen, z.B. der Fourierreihen. Die übliche Aussage
über Fourierreihen lautet: Die Fourierdarstellung einer Funktion
in dem Intervall
hat die Form
wobei die Koeffizienten
durch
zu berechnen sind. Die Reihe stellt die Funktion
eindeutig dar,
wenn sie gleichmäßig konvergiert.
Man kann den gleichen Sachverhalt beschreiben, indem man die Akzente etwas
verschiebt und dabei den Sprachgebrauch, der bei der Diskussion der
verallgemeinerten Funktionen üblich ist, einführt. Durch den Satz von
Testfunktionen
und durch die Vorgabe des Satzes von Zahlenwerten
ist die Funktion
in dem Intervall
eindeutig
definiert. Man könnte alle Eigenschaften von
auch anhand des
Satzes von Größen
, bzw. der Reihe, in der diese
Größen als Entwicklungskoeffizienten auftreten, diskutieren.
Diesen Sachverhalt hat L. Schwartz als Hintergrund für die
Verallgemeinerung des Funktionsbegriffes benutzt. Zur Durchführung des
Programmes sind die folgenden Schritte notwendig:
- (1)
- Man definiert einen geeigneten Satz von Testfunktionen
.
Abzählbarkeit ist nicht unbedingt erforderlich, doch ist es einfacher
mit einem derartigen Satz zu argumentieren anstatt mit einem allgemeinen Satz
Eine zulässige Testfunktion ist durch die folgenden
Aussagen charakterisiert:
- (1a)
- Sämtliche Ableitungen von
existieren und sind stetig.
Diese Aussage wird für die Definition der verallgemeinerten Funktion
eigentlich nicht benötigt. Man braucht sie, um die Ableitungen der
verallgemeinerten Funktion zu diskutieren.
- (1b)
- Es gibt ein
so dass alle
für
ist.
Diese Forderung garantiert, dass das Integral (sprich Funktional)
für jede stetige Funktion
existiert.
- (1b')
- Alternativ kann man verlangen, dass jede Testfunktion
, zusammen mit
ihren Ableitungen, für
schneller gegen Null
strebt als eine beliebige Potenz von
Die Testfunktionen müssen
im asymptotischen Bereich schnell genug abfallen.
- (1b'')
- Andere Varianten von Testräumen sind möglich.
Man beweist dann,
- (2)
- dass für jeden Satz von Forderungen (1) hinreichend viele Testfunktionen
existieren und dass die Zuordnung
immer eindeutig umkehrbar ist
Man bezeichnet einen Satz von Funktionalen
über einem
wohldefinierten Raum von Testfunktionen als eine verallgemeinerte
Funktion.
Anstatt eine Funktion in der üblichen Weise
durch eine Zuordnung der Form
zu definieren,
charakterisiert man sie durch die Vorgabe eines Satzes von
Funktionalen. Die zweite Charakterisierung ist im Fall von Funktionen
völlig äquivalent zu der ersten. Sie hat jedoch den Vorteil,
dass sie wesentlich umfassender ist. Zwei Beispiele sollen diese Aussage
andeutungsweise belegen.
In dem ersten Beispiel werden als Testfunktionen
gewählt. Diese Funktionen erfüllen die Forderungen (1a) und (1b').
Betrachtet man zusätzlich den Satz von Funktionalen
so ist durch diese Vorgaben eine (verallgemeinerte) Funktion definiert. In
diesem Beispiel könnte man nachrechnen, dass gilt
Die Vorgaben definieren (zugegebenermaßen auf ungewöhnliche Weise)
die stetige Funktion
Ist
stetig, so
spricht man von einer regulären verallgemeinerten (also einer normalen)
Funktion.
In dem zweiten Beispiel fordert man
für jede zulässige Testfunktion
Jeder Testfunktion wird
ihr Wert an der Stelle
zugeordnet. In dem vorangehenden Abschnitt wurde
gezeigt, dass diese Forderung nicht durch eine normale Funktion erfüllt sein
kann. Diese Forderung definiert die
-Funktion und zwar vollständig
und eindeutig.
Man ist also mit diesem Programm in der Lage, normale Funktionen als auch
Distributionen oder notfalls noch allgemeinere Konstrukte auf ein und derselben
Ebene zu diskutieren. Anstatt mit den Standardzuordnungen
zu operieren, verlegt man sich auf die Betrachtung von Sätzen
von Funktionalen. Alle weiteren Eigenschaften der verallgemeinerten
Funktion kann man aus dem Satz von Funktionalen gewinnen, so z.B.
für die
-Funktion, oder allgemeinere Rechenregeln. Für weitere
Ausführungen zu dem Thema `verallgemeinerte Funktionen` wird jedoch auf die Literaturliste verwiesen.
< Elektrodynamik Mathematische Ergänzungen > R. Dreizler C. Lüdde 2005