Kennung 5-03

Präzisierung von Verstehen – die Formulierende Interpretation
  Der Mitschnitt gibt eine partiell sehr kleinteilige Diskussion innerhalb des Schrittes der Formulierenden Interpretation darüber wieder, ob die Antwort auf die Frage des Interviewers ein konkretes ‚Ziel‘ angibt oder eher eine allgemeine Beschreibung gewünschter Verhältnisse: außerhalb der Stadt, gerade Straßen etc. Die Metapher "ins Grüne" entzieht sich einem leichten Zugriff: offen ist zunächst, ob sie "die Natur" umschreibt oder auf die Landstraße bezogen ist. Es stellt sich die Frage nach dem Kontext: Was ist Bernsdorf – Dorf oder Stadtteil? Die Beschreibung der Interviewten wird als serielle Aktivität ohne konkreten Ortsbezug angenommen. Problematisiert wird zudem die Bedeutung des Wortes "meistens". Der Vorschlag für den Protokollsatz: ‚Sie fahren meistens auf Landstraßen außerhalb der Stadt‘ wird als noch unterkomplex verworfen. Im Verlauf der Diskussion schält sich heraus, dass es sich nicht um das Ansteuern eines bestimmten Zieles handeln könne, sondern das Fahren selbst im Mittelpunkt steht. Erst durch die intensivere Auseinandersetzung mit dem Gesagten können also individuelle Vorannahmen darüber, was die Metapher "ins Grüne zu fahren" bedeutet, aufgebrochen werden.


Textflusstreue und Gedankenexperiment

  An der Diskussion über den Begriff der "richtigen Straßen" wird ein wesentliches Element des Vorgehens der formulierenden Interpretation deutlich: sie folgt im Interpretieren dem Textfluss und vermeidet es, einzelne Sequenzen durch Hinzuziehen anderer Sequenzen zu deuten. "Richtige Straßen" werden gedankenexperimentell von den Interpreten zunächst alternativ als asphaltierte Straßen, als Autobahn oder als verkehrsarme Straßen verstanden. Im Ergebnis der Interpretationssitzung wird die in der Gruppendiskussion eingebrachte Metapher dann so gedeutet, dass es sich um Straßen handelt, die für die Umsetzung des Wunsches nach schnellem Fahren geeignet sind.


Gedankenexperiment
  Gedankenexperimentelle Diskussion über die Metapher "Gas geben" in ihrer Bedeutung hinsichtlich einer hohen (absoluten) Geschwindigkeit vs. einer hohen Beschleunigung. Die Metapher "den Wagen zu kitzeln" wird als Ausreizen der technischen Möglichkeiten des Wagens gedeutet. Dieses wird angesichts der Fahrbedingungen auf Landstraßen als limitiert eingeschätzt und insbesondere eine längerfristig hohe Geschwindigkeit als wenig wahrscheinlich angesehen. Dementsprechend scheint es eher um starke Beschleunigung als um hohe Geschwindigkeit zu gehen.


Formulierung eines Protokollsatzes
  Die Protokollsätze der Formulierenden Interpretation halten das gemeinsame Verständnis von Textpassagen fest. Dabei kommt es auf eine genaue Formulierung an. Die Interpreten machen dies zum Gegenstand einer Diskussion darüber, worauf sich das Wort "eigentlich" in der Rede M1 (Zeile 8) bezieht. Es wird festgehalten, dass es sich einen Temporalbezug hinsichtlich der Zeitdauer der Aktivitäten handelt: gefahren wird gewöhnlich den ganzen Nachmittag über.


Reformulierung von Protokollsätzen



  An der Phrase "Kostet zwar viel Geld, ist aber unbezahlbar" (Zeile 12/13) entzündet sich eine Diskussion darüber, was eigentlich ausgedrückt wird. Inhaltlich ist dies ein in sich sehr widersprüchlicher Satz: Unbezahlbares kostet viel Geld. Die Schwierigkeit besteht nun darin, ihn adäquat zu übersetzen. Eine Perspektive ist die des Gegenwertes und der Effizienz; eine andere ist die des gefühlten Gewinns: die Erfahrung lässt sich kaum mit Geld aufwiegen. Diese Perspektive wird schließlich übernommen.
Im weiteren Verlauf dreht es sich um das Verständnis davon, welchen Geschwindigkeitsbegriff die Interviewten haben: es geht weniger um die absolute als vielmehr um eine relativ hohe Geschwindigkeit; in Abhängigkeit von wechselnden Gegebenheiten ist jeweils die Grenze auszutesten. Im Rückgriff auf die Protokollsätze zu den Zeilen 6 und 7, die die technischen Möglichkeiten des Wagens als Limit ansehen, wird nunmehr mit Bezug auf das schnelle Fahren die Erfahrung des Beherrschens des Fahrzeugs zusätzlich aufgenommen. Die Formulierende Interpretation behält hier die Verlaufstreue bei, ist aber in der Lage, eigene Interpretationen vor dem Hintergrund neuer Erkenntnisse zu reformulieren. Dieses Vorgehen unterscheidet sich methodisch diametral von dem Springen zu beliebigen Textstellen, um Interpretationen mit vermeintlichen Belegen zu untermauern.