Kennung 5-11: Hörbeispiel – Diskussion Fallinterner Kontrastierung
  Die Interpreten diskutieren, warum W2 in der Gruppe verbleiben kann, obwohl sie abweichende Meinung vertritt: Zum einen wird angeführt, dass die Beziehung zwischen den Akteuren lang andauernd sei, was schnelle Entscheidungen verbiete. Eine andere Position ist, dass die persönliche Beziehung zwischen dem Wagenbesitzer und W2 die Gruppe zwinge, Differenzen auszuhalten, um nicht jemanden ausschließen zu müssen. Ergänzt wird dies durch den Hinweis, dass dies auch ein plausibler Grund für die Teilnahme von W2 an den Fahrten darstelle. Dafür scheint auch das Verhalten des Freundes M1 während der Interviewpassage zu sprechen: er schweigt bzw. lenkt den Erzählfluss auf andere Themen.

Diese einigen Interpreten gemeinsame Perspektive stellt eine frühere Interpretation zum Verhalten M1s zur Disposition. Bisher war Konsens, dass die Äußerungen in Zeile 23f dem Interviewer galten und M1 von der Autofahrt als umstrittenem Thema der Gruppe ablenken wollte. Aus der Beziehungsperspektive erscheint dieses Verhalten nun jedoch eher eine spezifische Form der Solidarität mit W2 zu sein – diese neue Position bleibt von der Interpretationsgruppe vorläufig unwidersprochen.

Im weiteren Verlauf der Diskussion wird festgestellt, dass Autofahren kein Gründungszusammenhang, sondern eher gemeinsames Hobby der Gruppe sei. Der Besitz des Wagens sei daher kein elitäres Merkmal. Vielmehr stehen Rollen und Status bereits fest. Autofahren sei eine Phase der Gruppenentwicklung, die – so der implizite Hinweis auf das Enaktierungspotenzial – durch die Schenkung des Autos erst möglich wurde.

Die Gruppe steht damit auch vor einem Orientierungsproblem und muss Konformität wie Regeln erst neu aushandeln. Die Redewendung „da muss sie durch“ in Zeile 17f drücke dies spielerisch, aber sehr bestimmt aus. Starke soziale Beziehungen erweisen sich hier auch als Dilemma: sie aufzugeben, fällt selbst angesichts manifester Risiken wie der schnellen Autofahrt schwer. Diese Lösung nicht zu finden, könnte die Gruppe sprengen und die Beziehung belasten.

Mit dem Verweis auf die Zeile 6 wird die Erfahrung des Schnellfahrens als Impuls in die Gruppe hinein thematisiert: offensichtlich handelt es sich um eine relativ neue Phase des Freizeitvergnügens, die noch nicht tief ins Gruppenverhalten sedimentiert ist. Dabei gibt es unterschiedliche Zugangsmöglichkeiten (= ungleich verteiltes Enaktierungspotenzial), was M2 zu seiner euphorischen und emotional gefärbten Intervention veranlasst.

Methodische Zwischenreflexion der Interpretationsgruppe: Die bisherige Interpretationsarbeit habe gezeigt, dass man einen differenzierten Blick auf Textpassagen bekomme, wenn man andere in minimaler und maximaler Kontrastierung hinzuziehe. Solche Fortschritte zeigen aber auch die Gefahr, nur an einzelnen Textstellen zu arbeiten und Kontextwissen zu vernachlässigen: die Perspektive auf die Interviewten habe sich durch Hinzuziehung von weiteren thematisch differenten Textpassagen deutlich geschärft. Im Vergleich von Schule und Freizeit sowie den sozialen Beziehung ergebe sich so ein stimmigeres Bild. Dieses relativierend wird darauf hingewiesen, dass dies partiell auch am Sprachbild und an der Verteilung der Diskussionsbeiträge zu erkennen, dies aber in vorherigen Interpretationsschritten unterlassen worden sei. Der im Vergleich thematisch unterschiedlicher Textstellen erkennbare Interpretationsfortschritt verdeutliche zudem die Gefahr, die eigenen Vorurteile vorschnell zu Erkenntnissen über Textpassagen zu stilisieren – Kontrastierung sei also offensichtlich ein geeigneter Weg, dieses anhand der vergleichenden Datenanalyse zumindest einzuschränken.